Hindernisse beim Meditieren überwinden
von Eberhard Bärr in Philosophie und Praxis

Jeder, der es tut, kennt sie, die Hindernisse beim Meditieren. Und sie können wirklich frustrierend sein. So lange Meditation unter dem Modell von “Tat und Belohnung” betrieben wird, werden sie da sein. Wie du Meditation neu erleben kannst.

Ist Meditation nun auch eine Handlung, ausgerichtet auf ein Ziel, auf eine Belohnung? Kann ich mich mit Meditation als Übung auf ein Ziel zubewegen? 

Unser Leben besteht hauptsächlich aus Handlungen, die auf bestimmte Ergebnisse ausgerichtet sind. Es ist das globale Modell von Tat und Belohnung. In der Meditation steht uns dieses Modell im Wege.

Wenn Meditation in das Muster von Tat und Belohnung fällt, werden Erwartungen in mir präsent und das Gefühl der Eile mischt sich hinzu. Dann werde ich meine Zeit in die Meditation investieren, um ein entsprechendes Ergebnis zu bekommen. So lange der oft tief verwurzelte Glaubenssatz da ist, dass man Zeit nutzen sollte oder auch verschwenden könnte, so lange wird eine innere Unruhe da sein, die tiefen, wirklichen Frieden verhindert. Es ist also wichtig sich darüber klar zu werden, bis zu welchem Punkt die absichtsvolle Handlung, die ein Ergebnis erzielen möchte, ihren Platz hat und ab wann sie als Hindernis bei der Meditation im Wege steht.

Die absichtslose Handlung

Der Begriff Meditation kann, bezogen auf verschiedene Richtungen, sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. In Verbindung mit der Praxis des Yoga könnte man Meditation als einen achtsamen und wachen Zustand des Betrachtens beschreiben. Wobei sich die Betrachtung auf nichts Bestimmtes richtet. Vielmehr ist es ein Betrachten von dem, was jetzt ist. Es ist die Art des Betrachtens, mit der man schon in der ersten Yogastunde in Kontakt kommt: Wenn man lernt, nur dem Atem zuzuschauen.

Der Atem geschieht und zwar genau jetzt. Dadurch wird man präsent und achtsam. In dieser möglichst absichtslosen Schau der Dinge, wo die Trennung zwischen dem Seher und dem Geschauten schwächer wird, nähert man sich einem äußerst natürlichen und absichtslosen Dasein. Diese Natürlichkeit kann nicht absichtlich herbeigeführt werden. Sie ist vielmehr das, was verbleibt, wenn alles andere zur Ruhe kommt. Jede absichtsvolle Bewegung, die nicht spontan und intuitiv ist, führt weg von dieser Natürlichkeit.

Ein Beispiel, dass es klarer machen soll: Wenn mich jemand auffordert natürlich in die Kamera zu schauen, wird dies nicht möglich sein, da ich die Absicht habe natürlich zu schauen, und daher wirkt mein Lächeln unnatürlich. Ein natürliches Lächeln kann mit der Kamera festgehalten werden, wenn ich unbemerkt fotografiert werde. Natürlichkeit ist das, was verbleibt wenn die Selbstdarstellung des Egos, auch in subtilster Form zur Ruhe kommt. Relativ leicht gelingt uns diese Absichtslosigkeit auch, bei sanften und neutralen Aktivitäten, wie Gartenarbeit oder Spazierengehen. Hier haben wir keine komplizierten oder intensiven Erwartungen. Ich bin einfach mit dem Tun beschäftigt und der Geist kommt zur Ruhe.

Hindernisse beim Meditieren überwinden

Mit den Übungen des Yoga nähert man sich in ähnlicher Weise diesem absichtslosen Dasein an. Dabei ist es wichtig das Paradox der Meditation zu erkennen: Ich versuche absichtlich absichtslos zu sein.

Es macht jedoch keinen Sinn mit einer Absicht die Absichtslosigkeit anzustreben, denn dann würde ich mich im Kreis drehen. Und hier kommt in wunderbarer Weise das „Yoga Sutra“ zur Hilfe. Patanjali trickst mich, als ein egozentrisches Wesen mit so vielen wichtigen Absichten, regelrecht aus. Er empfiehlt Übungen, die letztendlich alle auf eine Verlangsamung der geistigen Bewegungen hinauslaufen. Denn durch die Verlangsamung werden auch die Absichten gemildert und unsere Erwartungen treten in den Hintergrund.

Yoga zeigt mir also einen Weg zu einer höchst wachen, absichtslosen Natürlichkeit, die sich durch Intuition und Spontanität äußert und die wir Sattva nennen.

Sattva löst Hindernisse in der Meditation auf

Der Weg dorthin geht über das Kultivieren von Sattva, der wachen Ruhe und Klarheit. Praktisch wird Sattva möglich, in dem ich die beiden anderen Gunas, Tamas und Rajas neutralisiere. Tamas, also die Kräfte der Lethargie und Trägheit, können in den Bewegungs- oder Halte-Phasen jeder Übung neutralisiert werden. Denn in jeder Asana, die ich länger halte oder in jedem dynamischen Bewegungsablauf stimuliere ich mein System und werde so wacher und dies neutralisiert die Kräfte der Trägheit.

Die Kräfte des Rajas hingegen, also die Unruhe und Eile, neutralisiere ich in den Ruhe-, Entspannungs-, oder Nachspürphasen.

Das Neutralisieren oder zumindest Schwächen dieser beiden Kräfte eröffnet die Möglichkeit, dass die sattvischen Qualitäten ganz natürlich wieder zum Vorschein kommen. Wir gehen also nicht absichtlich auf Sattva zu, sondern wir neutralisieren Rajas und Tamas, damit Sattva sich entfalten kann. Alle Übungen sind ein Sich-Hinbewegen zu Sattva, zu einem natürlichen Sein.

Ein Beispiel

Zum besseren Verständnis wieder ein Beispiel, das wir vermutlich alle kennen, das Einschlafen. Wenn ich abends zu Bett gehe, dann erschaffe ich mir die optimalsten Bedingungen, damit das Einschlafen geschehen kann. Ich öffne oder schließe das Fenster, ich lese vielleicht noch etwas oder mache eine Entspannungsübung. Ich höre vielleicht noch etwas Musik oder laufe noch ein paar Schritte an der frischen Luft.

Wenn ich nun aber die ganze Nacht damit beschäftigt wäre, die Umstände, die das Einschlafen ermöglichen sollen, zu optimieren, würde ich eben die ganze Nacht nicht einschlafen. Das Optimieren der Umstände ist nur bis zu einem gewissen Punkt von Nutzen. Irgendwann kommt der Punkt, da sollte ich mich einfach hinlegen und nichts mehr tun, sodass das Einschlafen geschehen kann. Denn ich kann Einschlafen nicht “absichtlich machen”. Sogar das Gegenteil ist der Fall: wenn ich das Einfschlafen zu sehr will, dann wird das zu einer sehr unangenehmen Erfahrung. Die Absicht ist also auch hier ein Hindernis. Beim Einschlafen genauso wie beim Meditieren. Ich kann nur die Rahmenbedingungen so setzen, dass es möglichst leicht von alleine geschehen kann.

 

Wenn du also von Trägheit oder Müdigkeit geplagt bist, dann übe einige aktivierende Asanas, um Tamas auszugleichen. Wenn hingegen Unruhe dich von deiner Meditation abhält, dann übe Entspannungsübungen oder eine langsam fließende Asana-Sequenz.

Nicht mehr eingreifen

So ist es auch wichtig bei den Übungen zu erkennen, ab wann ich nicht mehr eingreife, also mit der Manipulation aufhöre. Irgendwann sollte die Übung, also jegliche noch so kleinste Art der Manipulation, beendet sein und in ein achtsames und waches Zuschauen münden. Ein einfaches, waches Beobachten - egal, was kommt. 

Patanjali bezeichnet alle seelisch geistigen Vorgänge und Kräfte nur als Bewegungen, die eben angenehmen genauso wie unangenehmen sein können. Und ohne diese zu analysieren, empfiehlt er, diese Bewegungen zu betrachten. Das wird dir ab einem gewissen Maß an Ruhe möglich sein. 

Die Bewegungen beruhigen, darum geht es

Das Zuschauen ist die Meditation. In der Meditation gebe ich meinem Geist die letzte und neutralste Anweisung, die ich ihm geben kann. Ich fordere ihn auf zuzuschauen - ungeachtet dessen, was geschaut wird. Es ist ein wahlloses Betrachten von allem. Alles, was geschaut wird, ist lediglich ein Phänomen das kommt, für eine gewisse Zeit da ist und dann wieder verschwindet. Dies gilt für angenehme, wie auch für unangenehme Erfahrungen, geschehen sie nun in der äußeren Welt oder auf der körperlichen oder geistigen Ebene. Alles kommt, ist da und geht wieder. Meditation bedeutet Zuschauen und nicht eingreifen. Deshalb ist das gewohnte Muster aus Tat und Belohnung und den daraus resultierenden Erwartungen, geradezu das Gegenteil von Meditation.

All-Inclusive-Paket

Die größte Chance in der Meditation ist, alle Bewegungen als eine Art All-Inclusive-Paket zu begreifen. Denn der Intellekt hat dies, was ich nun wahrnehme, schon seit sehr langer Zeit in viele Einzelteile zerstückelt, eingeteilt in das, was nützlich oder nutzlos ist, was schön, was hässlich, mir lieb oder abstoßend ist. Und wenn dies nun alles in der Meditation auftaucht, greift der Intellekt ein und will ständig verändern und verbessern. "Bitte mehr hiervon und weniger davon", das kennen wir alle. Wenn in der Meditation Unruhe oder Müdigkeit auftauchen, die unser Geist sofort als “nicht erwünscht” betitelt, so ist auch dies etwas, das ich einfach nur betrachte. (Nur wenn Unruhe oder Müdigkeit zu stark werden, dann übe Asanas, wie oben beschrieben.)

Die Kunst ist nicht einzugreifen, sondern dieses All-Inclusive-Paket der Bewegungen zu erkennen. Dann ist auch Unruhe oder Müdigkeit lediglich das, was jetzt geschieht. Genauso wie das Geräusch auf der Straße, der Schmerz im Knie oder das Gefühl von Leichtigkeit. Das ist das, was jetzt ist. Und wenn es mir mehr und mehr gelingt es als solches zu erfahren, dann sehe ich die Dinge wie sie sind. Unter diesen Idealbedingungen, mit geschlossenen Augen auf dem Meditationskissen, eröffnet sich mir dann eine neue Dimension meiner Wahrnehmung.

Durch dieses reine Beobachten wird der Intellekt überbrückt und ich erlebe ein Dasein, daß keiner Interpretation oder Definition bedarf. Ich kann erkennen, dass ich auch ohne die Definitionen und Modelle meines Intellekts existiere und dies sogar äußerst friedlich. Der Intellekt benötigt für sein Spiel die Plattform dieser reinen Existenz. Aber reine Existenz braucht die Modelle und Definitionen nicht.

In diesem Sinne wünsche ich dir guten Erfolg,

Eberhard Bärr

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Eberhard Bärr

Eberhard Bärr ist ein ausgezeichneter Kenner des traditionellen Yoga und Vedanta. Wie kaum ein anderer vermag er es, die alten Weisheitsschriften wie Upanishaden, Bhagavad Gita oder das Yoga-Sutra verständlich zu machen. Kein Wunder also, dass er gefragter Dozent für Yoga-Philosophie in vielen Lehrer-Ausbildungen ist. Yoga-Retreats mit Eberhard Bärr sind ein Augen öffnendes Erlebnis. Sie gehen sehr in die Tiefe und vermitteln authentischen Yoga, wie er kaum von einem anderen Lehrer im Westen vermittelt wird.

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