Karma Yoga - der Weg zu grundloser Leichtigkeit
von Eberhard Bärr in Philosophie

In diesem Artikel wirft der beliebte Yoga-Philosoph Eberhard Bärr Licht auf den traditionellen Yoga-Weg der Handlung. Karma-Yoga ist DER Yoga-Weg für Menschen, die Yoga insbesondere auch im Alltag umsetzen und erleben wollen. TIPP: Mit kostenlosem Video-Vortrag aus unserem Online-Kurs "Karma-Yoga".

Was ist Karma-Yoga?

Da unser Leben fast ausschließlich aus Handlungen besteht, ist das Modell des Karma Yoga aus der Bhagavad Gita einer der praktischsten und hilfreichsten Beiträge aus dem indischen Wissen. Hier wird ein Yoga behandelt, der im praktischen Alltag umgesetzt werden kann. In den Lehrgesprächen der Bhagavad Gita empfiehlt Krishna seinem Schüler Arjuna eine Handlung ergebungsvoll auszuführen. Dem westlichen Menschen mag der Begriff „ergebungsvoll“ vielleicht etwas seltsam erscheinen, denn in jeder absichtsvollen Handlung strebe ich doch ein bestimmtes Ziel an. Das Erreichen des Ziels bestimmt über Erfolg oder Misserfolg einer Handlung. Erleichternd wäre es hingegen, wenn mir bewusst bleibt, dass die Ergebnisse meiner Handlung nicht nur in meinem Einflussbereich liegen. Um diese Klarheit aufrecht zu erhalten, ist es hilfreich, wenn ich eine Handlung nicht für mich in Anspruch nehme, sondern sie innerlich abgebe. Das ist mit "ergebungsvoll" gemeint.

Selbstloses Handeln, Selbst-loses Handeln

Krishnas Empfehlung in der Bhagavad Gita, eine Handlung ergebungsvoll zu tun, zeigt sich in wunderbarer Weise in der Verneigung, die in der indischen Tradition wie auch in vielen anderen Traditionen dieser Welt üblich ist. Die Verneigung gibt es z.B. im klassischen indischen Tanz. Eine Tänzerin mit großem Talent, die also allen Grund hätte darauf stolz zu sein, verneigt sich vor dem Tanz zunächst hingebungsvoll vor einer Gottheit, die auf der Bühne steht. Diese Verneigung steht symbolisch dafür, dass sie die folgende Darbietung aus Dankbarkeit aufführt und ihre Gabe des Tanzens der Quelle zurück schenkt, von wo her sie dieses Talent bekommen hat. Dies ist die erste Verneigung als symbolischer Ausdruck dafür, die folgende Handlung nicht für sich in Anspruch zu nehmen. Danach verneigt sie sich vor ihrer Lehrerin, die ihr das Tanzen beigebracht hat. Dies ist die zweite Art des Abgebens, bei der sie sich bedankt, dass sie die Kunst des Tanzens von ihrer Lehrerin erhalten hat und es nicht als ihre eigene Fähigkeit in Anspruch nimmt. Die dritte und letzte Verneigung der Tänzerin geschieht vor dem Publikum, für das sie den Tanz aufführt - die dritte Art des Abgebens. Die Tänzerin hat durch ihre ergebungsvolle Haltung die besten Voraussetzungen für diesen Tanz erschaffen, sofern ihre Verneigungen mit wirklich innerer Hingabe geschehen sind. Sie beginnt den Tanz mit dem Gefühl, dies selbst zu tun. Aber durch ihre hingebungsvolle Haltung wird sie sich irgendwann in diesem Tanz verlieren - dann "geschieht" der Tanz nur noch. Dies wird in der Bhagavad Gita als „Nichthandeln im Handeln“ bezeichnet. Die Handlung fliesst, ohne dass jemand dies steuert. Dieses innere Nichthandeln oder Loslassen jeglicher Kontrolle bringt die optimalste äußere Handlung und somit auch das beste Ergebnis hervor. Dies kann nicht das Erlernen und Einüben des Tanzens ersparen. Nichthandeln bezieht sich auf den ausführenden Aspekt. Ergebungsvoll zu handeln bedeutet ein Sich-Leermachen vor der Handlung. Dadurch wird die Möglichkeit erschaffen, dass die Handlung in ihrem möglichst natürlichen Fluss fließen kann. Dort gibt es einfach nur noch Tanz, ohne jemanden, der diesen aufführt. Dieser Tanz kann nicht schöner sein, als er in diesem Moment ist.

Scheinidentitäten und ihre Wirkungen

Mit dem Beispiel aus der Kunst ist dieser Aspekt etwas leichter zu verstehen. Aber wenn Krishna über eine ergebungsvolle Handlung spricht, meint er damit alle Handlungen, ob sie in der Familie, am Arbeitsplatz oder in anderen Bereichen meines Lebens stattfinden. Dort mangelt es mir meist an dieser ergebungsvollen Einstellung. Ich versuche in meiner jeweiligen Rolle als Mutter, Vater, Angestellte oder Chefin mit der ich mich identifiziere, meine Ziele durchzusetzten, auch wenn dadurch mein Gleichmut verloren geht. Diese Vorgehensweise ist weit entfernt vom angestreben Yoga des Selbstlosen.

Die ergebungsvolle Einstellung, die Krishna empfiehlt, geht mit der Intensität der Identifikation mit der jeweiligen Rolle zunehmend verloren. Durch jede Identifikation werde ich zu etwas, dass ich ursächlich eigentlich nicht bin und das, was ich bin, wird dadurch verdeckt. Dieses Phänomen nennt man Maya. Maya hat den verhüllenden Aspekt, was meine wahre Identität verdeckt und den projizierenden Aspekt, wodurch eine andere Identität erschaffen wird. Die Identifikation mit den unwirklichen Scheinidentitäten führt zum Vergessen meiner wahren Identität, was als Unwissenheit bezeichnet wird und im Karma Yoga kompromisslos als einzige Ursache für Leid anerkannt wird. Diese Unwissenheit über meine wahre Natur ist es, was die egozentrischen, verhärteten, erwartungsvollen und unflexiblen Absichten hervorbringt. Die Kontaktaufnahme zu meiner wahren Natur kann diese Absichten an ihren Wurzeln schwächen.

Ein Schauspieler identifiziert sich auch mit einer Rolle. Er lernt auf einer Schauspielschule sich mit einer jeweiligen Rolle vollkommen zu identifizieren. Nehmen wir an, dass ein Schauspieler abends zum Theater fährt und sich dort zunächst in die Maske begibt. Dort wird er als ein ärmlich aussehender Mensch zu Recht gemacht, da er beim Schauspiel dieses Abends einen Bettler spielt. Das Schauspiel beginnt und er begibt sich mit ganzer Dramatik in die Rolle des Bettlers. Aber leidet er unter der Rolle des Bettlers wirklich? Hat er nun wirklich Bettler-Kummer, Bettler-Sorgen und Bettler-Ängste? Er hat sie natürlich nicht, da er eine ständige kontinuierliche und anstrengungslose Bewusstheit hat, dass er in Wirklichkeit kein Bettler ist. Er verfügt über eine ganz natürliche Unterscheidungskraft (Viveka), das Wirkliche vom Unwirklichen trennen zu können. Dadurch ist ihm ständig bewusst, dass seine wahre Natur der Schauspieler ist und er verfügt über das Wissen, dass alle Rollen, die er nur spielt, kommen und gehen und daher nicht wirklich sind. Aber was könnte geschehen, wenn er in der Rolle des Bettlers nun länger als die 2 Stunden bleibt? Wenn er vielleicht 2 Monate, 2 Jahre oder sogar 20 Jahre den Bettler spielt und er irgendwann auch als Bettler angesprochen und behandelt wird? Er würde sich durch all diese Gewohnheiten irgendwann wirklich mit der Rolle identifizieren und seine ursprüngliche Identität vergessen. Bei dieser Art der Identifikation wird er zu etwas, was er nicht ist, und das, was er ist, gerät in Vergessenheit. In dieser Unwissenheit über sich selbst bekommt er nun Bettlersorgen und Bettlerängste. Und all diese Probleme versucht er nun in der Rolle des Bettlers zu lösen und sucht Rat. Bis er jemandem begegnet, der ihm den seltsamen Hinweis gibt, dass er eigentlich gar kein Bettler ist, sondern, dass seine wahre Natur eine ganz andere ist.

Da nun der Bettler sozusagen spirituell wird, da er als das wirkliche Problem seine Vergesslichkeit erkannt hat, begibt er sich auf die Suche nach seiner wahren Natur. Er sucht nun nach etwas, von dem er sich räumlich und zeitlich getrennt fühlt. Er folgt bestimmten Methoden in Theorie und Praxis, um seine wahre Natur zu finden, wobei man ihn vorab darauf hingewiesen hat, dass dies ein langer Weg sein wird. Und so begibt sich der Bettler auf diesen langen Weg der Suche. Er kann seine Natur nicht finden. Er kann nur seine eigene Dummheit erkennen, dass er zu etwas geworden ist, was er doch gar nicht ist. Also ist dies gar kein Finden, sondern vielmehr eine Erkenntnis. Er erkennt, was er schon immer war. Dies zeigt sich auch in der großen Aussage des Vedanta „Tat tvam asi“. Das bist Du! Durch die Identifikation werde ich zur Mutter, zum Sohn, zum Doktor, zur Chefin, zum Yogi, zum Sünder oder zum Heiligen. Es sind wie Mäntelchen, die sich jemand an- und auszieht. Aber im Karma Yoga ist man nicht an den Mäntelchen interessiert, sondern an dem, der die Mäntelchen an- und auszieht.

Grundlose Leichtigkeit

Yoga und Meditation ermöglichen uns der Stille den Kontakt zu unserer wirklichen Identität aufzunehmen. Daher ziehen sich Menschen temporär in sogenannte Retreats zurück, um noch einmal ganz mit sich selbst zu sein. In Stille, höchst wach und achtsam einen immer unpersönlicheren Standpunkt einzunehmen, von dem wir unsere Rollen wirklich als Rollen erkennen können. Diese Erkenntnis hat die Kraft, uns von Last zu befreien. Denn nur dieses Gefühl von Last ist das eigentliche Problem. Spiritualität kann uns nicht von den Handlungen befreien, die wir als unsere Verantwortung, Verpflichtung und Aufgaben ausführen müssen. Das wäre Utopie. Denn ein Leben ohne Verantwortungen gibt es nicht und da liegt auch nicht das Problem. Das Weglaufen von Verantwortung ist unmöglich und wird niemals zu einem befriedigenden Ergebnis führen. Das Problem ist, dass wir Verantwortung und viele Aufgaben in unserem Leben als Last empfinden. Von diesem Gefühl der Last können wir uns befreien. Das Sanskritwort „Dukha“, das meist mit dem Wort „Leid“ übersetzt wird, ist eine Unfähigkeit, sich leicht zu fühlen ohne Grund. Leichtigkeit mit Grund erleben wir in jeder Art von Genuss. Aber eine Leichtigkeit ohne Grund fehlt zumeist und so entsteht die sogenannte Last des Alltags. Daher trennen wir Freizeit und Arbeit, Vergnügen und Verantwortung. Karma Yoga zeigt einen Weg auf, wo diese Leichtigkeit in allen Handlungen präsent bleibt und sich so diese geistigen Einteilungen auflösen. Wenn wir wieder mehr Kontakt zu unserer wahren Natur aufnehmen, werden die Rollen zunehmend ihre dramatische und angstvolle Seite verlieren. Dann können wir sehen, dass wir wie der Gemüsebauer sind, der mit einem schwer beladenen Korb in einen Bus kommt und diesen während der Fahrt auf dem Kopf behält. Ein Fahrgast weist ihn darauf hin, dass der Bus doch ihn und den Korb fährt und er den Korb beruhigt absetzen könne. Aber der Bauer traut der Sache nicht und trägt seinen Korb lieber weiter auf seinem Kopf. Karma Yoga zeigt uns einen wunderbaren Weg, wie wir den schweren Korb, der eigentlich gar nicht zu uns gehört, beruhigt absetzen und alles zum Besten weiter mit Leichtigkeit geschieht.

Kostenloser Online-Kurs: Karma Yoga mit Eberhard Bärr, Teil 1

Weitere sechs Teile werden im Laufe des März 2019 auf YogaMeHome veröffentlicht und sind auch ohne Mitgliedschaft verfügbar. Mehr über Eberhard Bärr

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Wissen: die vier Wege des Yoga

In der Tradition des Yoga haben sich vier Yoga-Wege herausgebildet. Das sind Karma-Yoga (der Weg der Handlung), Jnana-Yoga (der Weg der Erkenntnis), Bhakti-Yoga (der Weg des Herzens) und schließlich Raja Yoga - der Königsweg, der alle anderen vereint und eine systematisches, achtgliedriges Übungsmodell ist. Das Yoga Sutra von Patanjali beschreibt zum Beispiel Raja Yoga. 

Diese vier Wege gelten als die ältesten. Als im Zuge des aufkommenden Tantrismus dann der Körper (mit seinem energetischen System) mehr in den Vordergrund rückte, erhielten die vier Wege neue Impulse und es entwickelte sich der heutige Hatha Yoga. Hatha Yoga bezieht also den Körper explizit in die Yoga-Praxis mit ein. Auch Kundalini Yoga (Yoga der Energie) tut das. Den alten Schriften zufolge sind beide aber nicht als eigenständige Yoga-Wege anzusehen, sondern eher als spezielle Ausprägungen der Praxis.

Alle Wege sind grundsätzlich nicht als vollkommen getrennt voneinander zu sehen. Vielmehr wählt jede/r SchülerIn seinen Lieblings-Weg, der einen Fokus setzt, die anderen Pfade aber nicht gänzlich ausschließt.

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Eberhard Bärr

Eberhard Bärr ist ein ausgezeichneter Kenner des traditionellen Yoga und Vedanta. Wie kaum ein anderer vermag er es, die alten Weisheitsschriften wie Upanishaden, Bhagavad Gita oder das Yoga-Sutra verständlich zu machen. Kein Wunder also, dass er gefragter Dozent für Yoga-Philosophie in vielen Lehrer-Ausbildungen ist. Yoga-Retreats mit Eberhard Bärr sind ein Augen öffnendes Erlebnis. Sie gehen sehr in die Tiefe und vermitteln authentischen Yoga, wie er kaum von einem anderen Lehrer im Westen vermittelt wird.

Kommentare

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Dila

Sehr schön und verständlich ausgedrückt. Vielen Dank!

Verfasst am 02.03.2019 um 18:22

Sandra

Ich freue mich sehr über die weiteren Videos bzw. Vorträge. Danke

Verfasst am 06.03.2019 um 17:12

ayiPDqLIchSOYuN

Verfasst am 29.09.2020 um 16:16

PReuOoiLj

Verfasst am 29.09.2020 um 16:22

seljEVoU

Verfasst am 29.09.2020 um 18:12

ArcNCyhlvuKPZqWF

Verfasst am 29.09.2020 um 18:19

Katrin

Sehr schön. Darum geht es. In einer verfahrenen, schwierigen Situation den Perspektivenwechsel vorzunehmen. Klappt immer öfter...
Alles Liebe, ich bin auf die nächsten Videos gespannt.

Verfasst am 09.10.2020 um 09:03

Sigrid

Klar. Verständlich. Inspirierend. Und macht neugierig auf Vertiefung. - Danke für diesen Beitrag.

Verfasst am 20.10.2020 um 22:53

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