Yoga verändert unsere Gesellschaft!?
von in Inspiration

Eine leise Bewegung findet statt. Vom lauten Populismus in den Medien noch übertönt, geschieht bereits Veränderung. Welche Rolle spielt Yoga dabei und was lernen wir als Kollektiv gerade?

Warum lernst Du?

Wenn Du oder ich, wenn jede/r Einzelne von uns etwas lernt, dann tun wir das, weil wir vorher einen Impuls verspüren. Und dieser Impuls entsteht fast immer aus dem sozialen Gefüge heraus, in dem wir uns gerade befinden.

Das beginnt als Kind, wenn wir den Impuls verspüren die Anerkennung unserer Eltern zu wünschen. Sie sagen dann sowas wie: “Ja fein, toll gemacht!” und das spornt uns an, noch mehr zu lernen. Oder später, wenn wir vielleicht ein sicheres Auskommen erreichen wollen, dann bemühen wir uns in Lehre oder Studium und hören unseren LehrerInnen zu - meistens jedenfalls. Noch später ist es vielleicht der neue Job, den wir bekommen, weil wir etwas gut gemacht, sprich etwas gelernt und verstanden haben. Egal, was uns antreibt, sei es das Bedürfnis nach Anerkennung, Sicherheit oder Erfolg: Lernen findet immer statt, weil wir innerhalb unseres sozialen Gefüges einen Impuls verspüren. Das geht uns allen so.

Was passiert nun, wenn plötzlich viele Menschen ganz ähnliche Lern-Impulse spüren? Wenn ein evolutionärer Impuls durchs Land weht, der uns alle betrifft?

Impuls der Veränderung

Rückblickend lag jeder größeren gesellschaftlichen Veränderung ein bestimmter Impuls zugrunde, den viele Menschen gleichzeitig gespürt haben.

So waren große gesellschaftliche Umwälzungen nur äußerlich betrachtet das Ergebnis eines scheinbaren Geniestreiches einzelner Persönlichkeiten. Sieht man genauer hin, war es vielmehr immer der richtige Moment, ein Reif-sein eines gesamten sozialen Gefüges für eine neue Idee, eine neue Reaktion, für eine neue Art der Anpassung auf äußere Umstände - für das Lernen des gesamten Kollektivs. Oder wie der französische Schriftsteller Victor Hugo sagte:

“Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.”

Impulse der Vergangenheit

So setzte sich die Aufklärung durch, weil das kollektive Bedürfnis bestand, sich von der Obrigkeit der Kirche zu befreien und endlich zu erkennen, dass die Welt eben doch keine Scheibe ist. Oder die Gründung der Europäischen Gemeinschaft konnte deshalb Wirklichkeit werden, weil nach Jahrhunderten des Krieges die Menschen das dringende Bedürfnis nach Frieden spürten. Ebenso die Emanzipation der Frauen konnte sich nach Jahrtausenden der Unterdrückung durchsetzen, weil zwar einzelne Vorreiterinnen den Kampf anführten, sie aber getragen wurden von den vielen Frauen, die nun den Mut fanden, sich aufzulehnen.

350 v.Chr. schrieb Aristoteles zB. in seinem Werk “Historia animalium” (Peri ta zoa), dass „Frauen weniger Zähne als Männer haben“ und alle glaubten ihm. Erst etwa 2000 Jahre später (!) hat jemand die damals verrückte Idee gehabt, die Zähne wirklich nachzuzählen. Das war der Beginn der Renaissance und des wissenschaftlichen Denkens. Frauen und Männer hatten von da an dann doch gleich viele Zähne.

Welche Impulse spüren wir heute?

Unvorstellbar für uns?! Nun, wie werden wohl zukünftige Generationen über unsere Zeiten berichten? Was dämmert uns gerade als Kollektiv? Auffällig ist, dass unglaublich viele Menschen sich zu Weisheitslehren wie dem Buddhismus, Yoga und allgemein der Achtsamkeit hingezogen fühlen. Viele Menschen verspüren also den Impuls nach innen zu schauen.

Yoga und Meditation ist längst keine verruchte hinduistische Subkultur kommunistischer, promiskuitiver FKK-WGs mehr, wie noch im Wien der 1970iger Jahre. In unserer zwar noch immer großteils kapitalistisch geprägten Kultur darf Herr Mayer heute immerhin schon offen über seinen dritten Burnout sprechen und wie gut ihm Yoga dabei half, zur Ruhe zu kommen. Der gar nicht mal so alternative Arzt hat Herrn Mayer damals einen Yogalehrer empfohlen und das hat als Nebeneffekt nicht nur dafür gesorgt, endlich wieder gut schlafen zu können. Es hat etwas ganz Neues, Lebendiges in seinem Innenleben heranreifen lassen. Nach dem ersten Schock über den Drop- Out aus dem ausgereizten Konsum-Hamsterrad, entdeckte Herr Mayer wieder das Bedürfnis nach einer geistigen inneren Anbindung an die Natur und an etwas Größeres, an die wunderbare Einfachheit inneren Friedens.

Die Kraft des Yoga

Mit all der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung, die sich natürlich auch INNERHALB des Yogas vollzieht (das steht in einem anderen Artikel), hat Yoga und die gesamte Achtsamkeits-Kultur ein enormes Momentum auf kollektive Entwicklungen. Auf die Möglichkeit des Lernens („learnability“) einer Spezie. Ich träume und mutmaße, dass Yoga dabei eben auch mehr sein kann, als nur ein restoratives “Batterie aufladen” für weitere Abhärtung in der Konkurrenz. Mehr als die Mobilisierung letzter Kräfte für endlich glückende Kreditrückzahlungen. Längst, so glaube ich, befeuern die inneren Erkenntnisse des Herrn Mayer durch seine Yogapraxis auch die Anbindungen an eine neue Kultur des Miteinanders.

„Yoga“ fällt oft in Zusammenhang mit vegan, alternativ, gesund, proaktiv, „lebenswürdigende-, sinnstiftende Gemeinschaft“, „innerer Entwicklung“ etc. Und so wird Yoga heute überall und gemeinsam praktiziert. Nicht nur im Park und im Fitnessstudio. Yoga und gemeinwohlorientierte Absichten treten sogar gemeinsam auf. Bei einem kirchlich-sozial engagierten Symposium wie „Seitenstetten V“ wurde unlängst Yoga angeboten. Öfter unterrichte ich oder Kollegen von mir, allein um Spenden für gemeinnützige Organisationen zu sammeln. An einem FIAN AktionsTag z.B. oder für ein Frauenhaus in Indien. Yoga ist oft auch eine fixe Einrichtung in den meisten aufkeimenden nachhaltigen Gemeinschafts-Wohnprojekten. Und wenn es nicht klassisches Hatha- Yoga ist, dann sind es andere Arten der Innenschau.

Yoga in Organisationen

Die Philosophie des Yoga, eben als Innenschau zurück zur Quelle der eigenen Wahrnehmung, und neue soziale Organisationen beflügeln einander. Ob da nun zuerst der Fokus auf Achtsamkeit war oder doch auf die fortschrittliche soziokratische Organisationsstruktur? Wer vermag (und will) das schon sagen? Die beiden ergänzen und stärken einander wie Yama und Niyama. Bewusstseinsarbeit ist also Teil solch einer neuen Welt, wie z.B. gemeinschaftlicher Wohnprojekte (Beispiel BROT), mit geringerem ökologischem Fußabdruck (durch Car-Sharing, Foodcoops und Gemeinschaftsküchen). Partizipative Strukturen nach Innen und Außen, gewaltfreie Kommunikation, teilweise integrierte Altenpflege (wie in z.B. in „mehr als wohnen“ in der Schweiz) sind ja auch Ausprägungen des Yoga, so wie sie Sri Aurobindo im Integralen Yoga bereits am Anfang des 20.Jahrhunderts für den Westen aufbereitete. Er vermittelte damals "Yoga als eine schrittweise Vereinigung mit dem Göttlichen und, verbunden damit, dessen wachsende Offenbarung in allen Bereichen des menschlichen Lebens.

Wohin führt uns der "Yoga-Impuls"?

Wieder eine schöne Mutmaßung meinerseits: Die Rechthaberei fällt langsam weg! Stattdessen tritt das “dem Gemeinwohl dienen” hervor. Ganz nach der Gründungsidee der amerikanischen Bewegung „Off the Yogamat, into the World“.

In der Yoga-Literatur und der Bewusstseinsarbeit weit verbreitet ist das Konzept der „Spiral Dynamic“. Meist wird es in Zusammenhang mit Ken Wilber und dem Integralen Ansatz genannt. Nach diesem Konzept befinden wir uns kollektiv gerade im Übergang zwischen dem orangenen und dem grünen „Meme“.  Innerhalb des grünen Meme, das ca. in den 1960iger begann, schauen wir auf uns alle statt auf unseren eigenen Vorteil. Gemeinwohl und eigener Vorteil ergänzen sich dabei zunehmend, ja wachsen förmlich zu einem zusammen. (Mehr über das Konzept der Meme)

Dieses “dem Größeren dienen” finden wir auch im (Karma-)Yoga. Ich glaube, dass gerade durch die Entwicklungen innerhalb der Yogakultur weg vom patriachalen, indischen, rein transzendenten Yoga hin zu einem mehr praxis- und körperorientierten Yoga, auch ein weniger arroganter und weniger rechthaberischer Einheitsgedanke kultiviert werden könnte, der sich kollektiv völlig von den alten machthierarchischen Lehrgebäuden verabschiedet. Sobald sich innerhalb der Zivilgesellschaft eine neue, auf Empathie mit dem Leben und den Menschen gründende Organsationskultur stärker etabliert, so wie sie jetzt überall und nicht nur in den genannten neuen Wohnprojekten erstarkt, sondern in immer mehr gemeinwohlökonomischen Betrieben und Gemeinschaften schon Normalität ist, erübrigt sich die Kontroll- und Unterwerfungs-Politik namens „trenne! und herrsche!“. Auch wenn das “Angst schüren” und das Polarisieren noch in den Medien so laut populistische Schlagzeilen füllen kann, eine viel leisere Bewegung innerhalb der Zivilgesellschaft gewinnt an Kraft.

Gemeinwohlökonomie als Weg in die Zukunft

So könnten der ehemals angstschürende, ausgebrannte Politiker Dr. Mustermann oder die Journalistin Frau Huber aus dem Club- oder Lobbyzwang aussteigen, müssten gegen niemanden mehr wettern, praktizierten Yoga und könnten sich in soziokratischen Organisationsstrukturen völlig neu erfinden. Die neuen Strukturen sind längst erprobt und bekannt. Als Beispiel möchte ich nochmals die Gemeinwohlökonomie heranziehen. Gemeinwohlökonomisch arbeitende Unternehmungen werden anhand eines Kriterienkatalogs bewertet, der ihren Mehrwert für das Gemeinwohl errechnet und der dementsprechend Steuererleichterungen vorschlägt. Seit der Entstehung der Gemeinwohlökonomie 2010 haben sich über 2200 Unternehmen, ca. 400 Organisationen und über 9000 Personen der Initiative angeschlossen. Rund 100 Regionalgruppen (Stand Juni 2017) haben sich gebildet.

Vorreiter eines neuen Stils

Wenn der Yogi zum gemeinwohlorientierten, empathisch kommunizierenden Player wird, dann erkennt mensch das v.a. an einer neuen Art des “Sich-Begegnens” wieder. Ein Paradebeispiel dafür ist für mich ein großer Vertreter der Gemeinwohlökonomie Christian Felber (der übrigens selbst auch Yogalehrer ist) und seine auffallend friedliche, oft empathische Reaktion auf Menschen, die ihn heftig kritisieren und ihn in alte Schubladen wie „Kommunist“ stecken wollen. (Felber in der Diskussionsrunde Club2)

In einem Atemzug mit Felber ist für mich die 24-jährige Luise Neubauer zu nennen, als Vertreterin der aktuellen Klima-Aktivismus-Bewegung, die kompetent, gewitzt und neutral auf ohnmächtige Diffamierungen von Industriellen reagieren kann. Immer wieder gibt es noch mächtige Leugner, die Neubauers Aufklärungsarbeit als "Panikmache und apokalyptische Rhetorik" abtun. Das evolutionäre Lernen schreitet voran und keiner weiß, was wir dabei noch alles lernen dürfen.

Was aber sind die genauen Kennzeichen einer solchen neuen, integrativen Kommunikation und des “Sich-Begegnens” ohne Rechthaberei und Polarisierung? Auch wenn dieser Kommunikationsstil in TV-Duellen noch keine große Chance hat, klingt diese innere Haltung für darauf resonierende Menschen wohl durch und ist immer wieder eine Einladung zu:

„Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort. Dort werden wir einander begegnen.“

(Rumi)

Intergrative Kommunikation meets Yoga

Die Säulen einer solchen Kommunikation jenseits parteiischer Rechthaberei könnten direkt aus einem Handbuch für Yoga und Meditation stammen:

  • Die Haltung des Nichtwissens (Beginners Mind),
  • Offenheit (Ehrlichkeit),
  • Sprich von Herzen, fasse dich kurz,
  • Entschleunigung,
  • den Beobachter beobachten,
  • zuhören,
  • produktives Plädieren (statt schulmeisterlicher Belehrung)
  • Annahmen und Bewertungen suspendieren

Wie real ist die rosa Brille?

Abschließend möchte ich mich kritisch selbst befragen: Sehe ich die Entwicklungen etwa durch eine verzerrte „rosa Brille“? Lebe ich vielleicht nur in einer Blase? Darauf würde ich zwei verschiedene, sich nicht widersprechende, Antworten geben:

  1. Nein, denn es läuft wirklich das Alte und das Neue jeden Tag stärker auseinander. Das Neue ist nur noch etwas leiser als das dramatische Endspiel des destruktiven Kapitalismus. Doch wer mag, der oder die kann diese neue Welt überall schon wahrnehmen.
     
  2. Ja, ich kreiere diese rosa neue Welt gemeinsam mit anderen bewusst mit und lade auch Dich dazu ein, das auf Deine Art und Weise zu tun und uns zu vernetzen. Wenn du magst, könntest Du Dir dafür die "So-Sein Charta" für ein kreativ geistiges Embodyment anschauen und Dich bei Interesse bei mir melden.

Der Autor dieses Artikels wirkt auch auf YogaMeHome mit. Erfahre mehr über Yogalehrer Sascha Tscherni oder sieh Dir direkt die Videos von Sascha Tscherni auf YogaMeHome an.

Teile mich auf:

Kommentare

Um Kommentare schreiben zu können, musst Du eingeloggt sein.
Bitte Dich zuerst ein bzw. registriere Dich.

×
Zum Seitenanfang