Von der Asana zur Erleuchtung - die Bhavanas
von Nancy Krüger in Philosophie

Was bei der Gymnastik das Ziel, ist beim Yoga der Weg. Die körperliche Anstrengung brauchen wir oft, um den Lärm in unserem Kopf zuerst zu überhören und dann endgültig zu beruhigen.
 
Das Ziel ist ganz klar, Gelassenheit zu erreichen und zur Gelassenheit kommen wir nur über die vier Bhavanas: Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut.

Bhavanas: vier himmlische Gefühle, die den Unterschied machen

Patanjali sagt, dass die Bhavanas gemeinsam den yogischen Zustand der Gelassenheit definieren. Manchmal macht es also Sinn, uns daran zu erinnern, warum wir tun, was wir tun - also warum wir im Kopfstand auf der Matte stehen, zum dritten Mal bei der Krähe mit dem Gesicht voran in Richtung Matte kippen oder den abschauenden Hund inniger herbeiwünschen als einen Schluck Wasser in der Wüste, damit wir uns vom letzten der insgesamt 54 Chaturangas erholen können. Nicht nur auf der Yogamatte sollten wir uns ab und an erinnern, sondern vor allem auch im Alltag. Denn Yoga käme eigentlich völlig ohne Körperübungen aus, aber Yoga käme niemals ohne die vier Bhavanas aus.

Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut bilden gemeinsam die vier Bhavanas

Der Begriff „Bhavanas“ beschreibt sinngemäß „die vier höchsten Geisteszustände“. Diese sind der Schlüssel für die Transformation von reiner Körperarbeit zur Meditation. Gleichzeitig führen sie uns auf die Tanzfläche eines zufriedenen Lebens. Die äußeren Formen sind also weniger entscheidend, als die innere Haltung. Es ist belanglos, wie jemand sich bewegt. Er gewinnt die Herzen seiner Mitmenschen, weil er es aus voller Überzeugung tut. Auf der Yogamatte ist es nicht anders. Wer versucht sich in vorgegebene Formen zu zwängen, läuft hinterher. Wer sich aus tiefstem Herzen bewegt, gibt den Weg vor. Entscheidend ist am Ende, wie Du Dich innerlich in einer Körperposition und in Deinem Leben bewegst. Nicht für die anderen, sondern für Dich selbst und Dein Wohlbefinden.

Was Yoga und Gymnastik trennt: Das Unsichtbare – Das Herz

Zurück zur Tanzfläche unseres Lebens. Die Asanas, so finden wir irgendwann heraus, sind eigentlich nur einzelne Tanzschritte. Äußere Bewegungen führen uns aber zu inneren Bewegungen. Unser Herz formt Rhythmus und Klang, der unsere Körperbewegungen mit Leben und Hingabe erfüllt. Manchmal sind die größten Yogis jene Menschen, die gar nicht wissen, was Yoga überhaupt ist. Ihr Leben ist von Natur aus mit den vier himmlischen Gefühlen gesäumt. Etwas, das für niemanden sichtbar ist und mit dem nur wir selbst in Kontakt kommen können. Von außen lässt sich daher nur schwer sagen, wer wirklich ein fortgeschrittener Yogi ist.

„Sich freuen, wenn andere Glück haben, ihnen zur Seite stehen, wenn sie leiden, sich für ihre guten Seiten begeistern und ihre schlechten Seiten betrachten, ohne sie zu verurteilen: Dadurch werden Fühlen und Denken klar und die Wege zur inneren Ruhe und Ausgeglichenheit geebnet.“
R. Sriram, Übersetzung Yoga Sutra 1.33

Yoga ist ein Vollzeitjob

Halbe Sachen führen nie zur Erleuchtung. Yoga ausschließlich auf der Matte zu üben, entspricht einem Teilzeitjob. Ein Handstand mag hervorragend dazu geeignet sein, völlig im Moment zu sein, die Einkaufsliste für das Wochenende zu vergessen und uns regelmäßig auf die Matte zu locken. Er ist aber nur eine von vielen Yoga Übungen, um einen inneren Zustand der vier höchsten Geisteshaltungen zu erlangen. Das Erreichen und Manifestieren von Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut ist das ursprüngliche Ziel von Yoga.

Wer sich diesem Ziel nähern will, kommt um den Vollzeitjob nicht herum. Während ein Handstand auf der Yogamatte die genannten Vorteile mit sich bringt, erscheint es nicht praktikabel, ihn als Mittel für schwierige Situationen im echten Leben einzusetzen. Draußen in der Welt lässt die nächste Herausforderung meist nicht lange auf sich warten. Dieser wortwörtlich kopfüber zu begegnen, um innerlich klar zu werden, vermag das Gegenüber lediglich irritieren, zur Lösung der Situation wird das vermutlich aber wenig beitragen.

Hier kommt wieder die Gelassenheit ins Spiel. Mit gelassenem Gemüt sind wir in der Lage die Hindernisse des Alltags spielerisch zu meistern, Dinge leichter zu nehmen und sie mit größerer Weitsicht zu betrachten.

The Yoga pose is not the goal, becoming flexible is not the goal.
Standing on your hands is not the goal.
The goal is to create space where you were once stuck. To unveil the layers of protection you`ve built around your heart (…)
Come to your yoga mat to feel, not to accomplish. Shift your focus and your heart will grow. Rachel Brathen

Gelassenheit - der schnellste Weg zur Erleuchtung

Gelassenheit im Yoga wird also ganz konkret durch die vier Bhavanas beschrieben und ist daher nicht zu verwechseln mit Gefühlskälte oder Neutralität im Sinne der Gleichgültigkeit. Gelassenheit ist eine Beschaffenheit des Geistes, der sich durch die Bhavanas auszeichnet. Gemäß Patanjali handelt es sich beim Üben von Gelassenheit gleichzeitig um den schnellsten Weg zur Erleuchtung.

Anhand der Präsenz dieser vier yogischen Gefühle in uns können wir regelmäßig überprüfen, ob die Yoga Praxis auch außerhalb der Asana-Praxis bereits ihre Wurzeln (in uns) schlägt. Der Yogi ist in der Bewegung nicht nur mit seinem Atem verbunden, sondern vor allem auch mit einer konkreten Ausrichtung des Denkens und Fühlens. Gelingt es, diese Ausrichtung auch mit aus dem Yogastudio ins Leben zu nehmen, so verändert sie langfristig etwas in uns. Wir werden bewusster und damit zum Fred Astaire oder eben zur Ginger Rogers auf der Tanzfläche unseres Lebens.

Gelassenheit ja bitte, aber wie?

Um das zu erreichen, reicht es für den Anfang, Dich gelegentlich zu fragen, ob Du bei der Yoga Praxis wirklich entspannt bist. Vergewissere Dich, ob Du nicht krampfhaft versuchst, körperliche Perfektion zu erreichen. Manchmal spüren wir gar nicht so wirklich, ob wir gelassen sind oder nicht. Ein lockeres Gesicht und eine gleichmäßige Atmung sprechen aber Bände und geben dir jederzeit Aufschluss, wie es gerade um Dich steht.

Im echten Leben würde kontinuierliche Gelassenheit bedeuten, jederzeit entspannt zu bleiben, egal ob der Chef spinnt, der Partner nervt oder die Kinder schreien. Dabei handelt es sich augenscheinlich nicht um ein Konzept für Einsteiger sondern für echte Profis. Sei deshalb geduldig mit Dir selbst.

Zusammenfassend können wir also sagen, ein/e moderne/r Yogi/ni:

  • macht seine Asana-Praxis in völliger Präsenz und im Einklang mit seinem Atem,
  • ist innerlich auf die Bhavanas Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut ausgerichtet,
  • kommt dem inneren Frieden durch die daraus resultierende Gelassenheit näher,
  • …und integriert das alles auf- und abseits der Yogamatte in sein Leben.

Dabei gilt es, immer schön locker und im Rhythmus zu bleiben ;) !

Liebe Grüße,

Nancy

 

Nancy gibt auch Lehrer-Ausbildungen. Wenn Du Dich dafür interessierst, schau doch mal auf ihrer Website vorbei: Lehrer-Ausbildung Wien

Teile mich auf:

Nancy Krüger

Nancy liebt Pünktchen, Zitronen, Tanzen und das Leben. Sie ist Autorin für praktische Yoga Philosophie, medizinisch ausgebildete Hatha Vinyasa Yogalehrerin und leitet eine renommierte Yoga Ausbildungsschule mit dem Schwerpunkt Persönlichkeitsentwicklung in Wien.

Mehr über Nancy findest du auf ihrer Website: https://www.happydots.yoga/

Kommentare

Um Kommentare schreiben zu können, musst Du eingeloggt sein.
Bitte Dich zuerst ein bzw. registriere Dich.

Zum Seitenanfang