Yoga in Indien
von Bernita Müller in Inspiration

Wie wird Yoga in Indien heute gelebt? Gibt es sowas wie indisches Yoga? Praktizieren Inder Yoga anders als wir und was kann man sich aus dem Land der Yoga Tradition abschauen? Gastautorin Bernita von Wainando ist dieser Frage nachgegangen.

So viele Yoga-Stile haben sich inzwischen einen Namen gemacht. Ashtanga Yoga, Iyengar Yoga, Hatha Yoga, Vinyasa Yoga, um nur die relevantesten zu nennen. Im Westen wurde die Differenzierung dann auf die Spitze getrieben. Yoga für Bauch, Beine und Po, für besseren Sex oder für Hunde – es scheint nichts zu geben, was es nicht gibt. Aber ein Blick nach Indien zeigt: Yoga war ursprünglich für etwas ganz anderes gedacht. Yoga war ursprünglich mal einfach "nur" Yoga.

Die Wurzeln des Yoga

Wer schon einmal in Indien war, weiß, dass dort Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen. Weil die Inder so traditionsbewusst sind, lässt sich das Heute nicht verstehen, ohne einen Blick auf das Gestern zu werfen.

Wie alt Yoga ist, weiß niemand so genau. Aber archäologische Funde aus dem Industal lassen vermuten, dass Urformen des Yoga vor mehr als 5.000 Jahre entstanden sind. Zwischen Erde und Geröll haben Forscher alte Siegel gefunden, auf denen Asanas zu sehen sind. Weil einer der Yogis von wilden Tieren umgeben ist, wird er gerne als „Proto-Shiva“ oder „Herr der Tiere“ bezeichnet. Yoga ist in dieser Zeit also etwas für Götter, die so viel Macht haben, dass sie wilden Tieren befehlen können. Wow!

Um 700 v. Chr. erklären die älteren Upanishaden, wie Atemübungen und das Zurückziehen der Sinne die Meditation vertiefen. Hier dient Yoga dazu, den Atman zu erkennen, die unzerstörbare Seele des Menschen. Später erst kommen ausgefeilte Asanas dazu, die dieses Ziel ebenfalls verfolgen.

Erst nach vielen weiteren Jahrhunderten erkannte man, dass Asanas auch dabei helfen, gesund zu bleiben. So legt Hatha Yoga, das im Westen am weitesten verbreitet ist, den Fokus eher auf Körperhaltungen. Aber auch sie galten niemals als Selbstzweck. Sie sollten ursprünglich auf die Meditation vorbereiten.

Yoga diente über Jahrtausende hinweg dazu, Selbsterkenntnis zu erlangen und dem Göttlichen zu begegnen. Erst im Westen wurden Asanas zur reinen sportlichen Betätigung. Aber auch hierzulande beginnen die Menschen Fragen zu stellen und mit sehnsüchtigem Blick nach Indien zu schauen. Denn viele spüren, dass Yoga viel größere Schätze als körperliches Wohlergehen birgt.

Yoga als Lebensweg

In Indien gibt es nicht „das eine“ Yoga. Es gibt unzählige Schattierungen, die alle ihren Platz haben. Da sind beispielsweise die verschiedenen traditioniellen Yoga-Pfade zu nennen. Also den schon angesprochenen Hatha-Yoga (Yoga des Körpers), aber auch Raja Yoga (Yoga der Meditation). Dann Karma-Yoga (Yoga des Handelns), Bhakti Yoga (Yoga der Hingabe) und Janana Yoga (Yoga des Wissens) und Kundalini Yoga (Yoga der Energie). All diese Pfade bestehen bereits seit langer, langer Zeit und vermischen sich natürlich auch immer wieder.  Einen gemeinsamen Nenner zu finden, also das Yoga in Indien, ist gar nicht so einfach. Ich werde es dennoch versuchen.

Traditionelles Yoga endet nicht, wenn man die Matte verlässt. Es ist eine Geisteshaltung, die alle Tagesabläufe begleitet. Dazu gehört zum Beispiel, achtsam zu sein, seine Ich-Bezogenheit loszulassen oder nur „reine“ Nahrung zu sich zu nehmen.

Aber auch die Yoga-Übung selbst ist traditionell ganz anders aufgebaut als im Westen. Es gibt zwar indische Ashrams, in denen eine Gruppe Schüler ihrem Lehrer lauscht, aber häufig wird Yoga in Indien noch im Einzelunterricht gegeben. Um eine Asana zu meistern, muss sie mehrere Stunden gehalten werden. Und nicht nur das. Der Atem hat ebenfalls für mehrere Minuten zu verstummen. So lernen Yogis, ihre Körperfunktionen herunterzufahren. Der ein oder andere mag in Dokumentationen oder Studien bereits davon gehört haben, dass sogar der Herzschlag aufzuhören scheint. (was übrigens nie bewiesen werden konnte und damit ein Yoga-Mythos bleibt) Körper- und Geisteskontrolle gehen im traditionellen Yoga also einen großen Schritt weiter als im Westen. Aber natürlich wird Yoga nicht in allen indischen Ashrams so praktiziert. Manche bieten auch Kurse für Anfänger an oder wochenweise als klassisches Yoga Retreat.

Wer auf traditionelle Weise Yoga praktizieren möchte, tut das nicht für eine kurze Pause vom Alltag. Er hat seinen Alltag in eine einzige Yoga-Übung verwandelt, also Karma Yoga, um sich von seinen Ketten loszureißen und in die tiefsten Tiefen seines Wesens einzutauchen. Aber in Indien gibt es noch viele weitere Ausprägungen des Yoga.

Vielfalt des Yoga in Indien

Hier nur eine kleine Übersicht, die sich weniger am theoretischen Unterbau, sondern eher an den Ausdrucksformen orientiert, also der Frage nach geht, wer lehrt und lebt Yoga in Indien wie und an welchen Orten?

  1. Sadhus
    In Indien gibt es nach wie vor Yogis, die sich der Askese verschrieben haben und den traditionellen Yogaweg gehen. Sie beschmieren sich mit Asche oder tragen orange Kleidung, meditieren an heiligen Flüssen umgeben von zahllosen Pilgern oder suchen sich eine verborgene Höhle im Himalaya. Ihre Weltabgewandtheit erinnert beispielsweise an christliche Mönche aus dem Mittelalter.

  2. Yoga Ashrams
    Heute sind Ashrams in Indien weit verbreitet. Sie sind eine Gemeinschaft aus Menschen, die sich ganz einer bestimmten Yoga-Tradition verschrieben hat oder einem bestimmten Lehrer, einem Guru, folgen. Viele Ashrams öffnen ihr Türen auch für Menschen aus dem Westen, sei es, um nur mal eine Woche ein Yoga Retreat zu genießen oder auch dauerhaft in der Gemeinschaft zu leben.

  3. Yoga-Universitäten
    Yoga ist ein beliebtes Forschungsgebiet in Indien. So kommen viele Studien über die gesundheitlichen Auswirkungen der Asanas von dort. Passend dazu kann man Yoga in Indien auch an der Uni studieren.

  4. Yoga-Studios in den Metropolen
    Nachdem Yoga im Westen seinen eigenen Weg gegangen ist, kommt es in neuen Kleidern nach Indien zurück. In den großen Städten gibt es mittlerweile überall Yoga-Kurse, die ganz ähnlich wie die im Westen aufgebaut sind. Sie sprechen wie hierzulande Menschen an, die entspannen möchten oder einen körperlichen Ausgleich zur Büroarbeit suchen.

  5. Yoga-Resorts
    Das Interesse an Yoga ist nicht unbeantwortet geblieben. In Resorts erhalten Gäste erste Einblicke in Körperhaltungen und Atemtechniken. Gern in Kombination mit Ayurveda-Behandlungen oder einem Kulturprogramm, um den Urlaub abzurunden. Einige bieten ebenfalls Yoga Retrats an, also eine Zeit, in der Teilnehmer intensiv yoga praktizieren.

 

Yoga in Indien und im Westen

Was ist der Unterschied und was hat es mit meiner Yoga-Praxis zu tun? Ein Blick auf indisches Yoga kann helfen, die eigene Praxis von einer neuen Seite zu beleuchten und sich von den Schätzen einer jahrtausendealten Tradition inspirieren zu lassen. Mit wie viel Hingabe üben wir? Ist die Yoga-Praxis in unseren Alltag integriert oder gehen wir "nur" 1x pro Woche ins Yoga-Studio, um beweglich zu bleiben? (was ja auch ok ist, aber eben nicht Yoga im traditionellen Sinne) Tauchen wir so tief ein, wie wir können? Mit diesen Fragen gelingt es vielleicht, dem riesigen Puzzle der eigenen Praxis ein weiteres Teilchen anzufügen.

Lerne Yoga in Indien selbst kennen

Wer Yoga in Indien kennen lernen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. Yoga-Resorts bieten einen ersten Zugang für Indienneulinge, Rundreisen zu heiligen Stätten bieten vielfältige Einblicke in fremde Welten und Aufenthalte im Ashram Gelegenheiten für kontinuierliche Praxis. Was der nächste Schritt ist, hängt davon ab, welchen Weg Du gehen möchtest, wo Du gerade stehst und wo Du hin möchtest. Doch viele Yoga-Übende haben eines gemeinsam: Sie wollen mehr davon!

Mehr über die Frage Was ist Yoga? kannst Du im gleichnamigen Artikel nachlesen.

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Bernita Müller

Bernita Müller hat eine Yogalehrer- und einige therapeutische Ausbildungen abgeschlossen und arbeitet seit 30 Jahren in der Touristik. Sie ist eine der Gründerinnen von „Wainando“, einem Online-Reiseveranstalter mit den Schwerpunkten Yoga, Meditation, Ayurveda, Naturerfahrungen und kulturelle Begegnungen. Wenn Du Dich für eine Reise nach Indien interessierst, ist Bernita sicherlich die richtige Ansprechpartnerin für Dich. Alle Infos: Indien-Reisen mit Wainando

Kommentare 

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Birgit

Alle Beiträge , die in letzter Zeit nicht nur Lehrer vorstellten , sondern den Blick auf Yoga erweitern, finde ich sehr interessant.Ich würde gern in ein Ashram gehen.So bekommt man doch schonmal einen Überblick.super

Verfasst am 24.06.2018 um 15:48

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