Yoga-Sutras des Patanjali - Die Revolution der modernen Yoga-Forschung
von Dr. Eckard Wolz-Gottwald in Philosophie

Die Ergebnisse der modernen Yoga-Forschung stellen vieles in Frage, was heute zu Patanjali und seinen Yoga-Sutras geglaubt wird. Was können wir aus den revolutionären Thesen lernen, wie sie von Wissenschaftlern wie David Gordon White aufgestellt werden?

Der Mythos Patanjali

Wenn wir uns heute mit der Philosophie des Yoga beschäftigen, dann rücken schnell die Yoga-Sutras des Patanjali in den Blickpunkt. Patanjali ist der Vater des Yoga, der vor 2000 Jahren die Yoga-Sutras als Basistext der Yoga-Philosophie geschrieben hat. In einer ununterbrochenen Traditionslinie von Gurus wurden sie bis heute überliefert, so dass die heutigen Yogameister mit der Autorität einer 2000jährigen Tradition sprechen können. Die Yoga-Sutras gelten als ‚Raja-Yoga‘, als ‚königlicher Yoga‘ und sind somit als heilige Schrift der Yoga-Philosophie zu verehren. So lehren es die indischen Gurus. Und so glauben es viele in der westlichen Yoga-Szene.

Die moderne Yoga-Forschung und ihre Erkenntnisse

Wie eine Bombe schlugen dann die Ergebnisse der modernen Yoga-Forschung (1) ein. Letztendlich soll alles ganz anders gewesen sein. Hiernach kann es als höchst unsicher gelten, ob Patañjali als historische Person überhaupt gelebt hat. Auch bei der Annahme einer ununterbrochenen Traditionslinie handle es sich um einen im hinduistischen Glauben verankerten Mythos, der der konkreten Nachprüfung nicht standhalten kann. Die Yoga-Sutras haben in der Geschichte der indischen Kultur eine eher untergeordnete Rolle gespielt und waren über Jahrhunderte sogar fast ganz in Vergessenheit geraten. Zum Basistext der Yoga-Philosophie entwickelten sich die Yoga-Sutras des Patanjali erst im 20. Jahrhundert und das nicht in Indien, sondern im Yoga des Westens.

David Gordon White (2), der hier als Vorreiter der Patanjali-Forschung gilt, wirft insbesondere der westlichen Yoga-Szene vor, dass sie lieber den Patanjali-Mythos der hinduistischen Gurus glaube, als die konkret nachweisbare geschichtliche Sachlage ernst zu nehmen. Um hier Klarheit zu gewinnen erscheint es als hilfreich, die Geschichte der Yoga-Sūtras von ihrer Entstehung bis hin zum Basistext der modernen Yoga-Philosophie kurz, aber Schritt für Schritt nachzuvollziehen.

Der Ursprung der Yoga-Sutras

Über eine historische Person Patañjali ist tatsächlich nichts bekannt. Konzentrieren wir uns darauf, was tatsächlich nachweisbar ist, so können wir davon ausgehen, dass die Yoga-Sūtras zwischen dem 2. Jahrhundert vor und dem 2. Jahrhundert n. Chr. in Indien verfasst wurden. Man fügte das vierte Kapitel wahrscheinlich sogar erst im 4. Jahrhundert hinzu. Der Gesamttext wurde dann einem Weisen mit dem Namen Patanjali zugeschrieben.

Schattendasein in der hinduistischen Kultur

Liest man die Sutras im Sanskrit, dann fällt auf, dass der Text wenig hinduistisch, nicht einmal religiös orientiert ist. Viele der verwendeten Begriffe stammen sogar aus buddhistischem Denken. Die Yoga-Sutras wurden zwar in den Kreis der sechs Schulen der orthodoxen hinduistischen Philosophie aufgenommen, fristeten dort jedoch ein ausgesprochenes Schattendasein. Bis zum 17. Jahrhundert sind so zum Beispiel zu den ersten beiden Schulen Nyāya und Vaisheshika insgesamt 511 Kommentare überliefert. Aus dem gleichen Zeitraum liegen zu den Yoga-Sūtras nur 12 Kommentare vor. Es ist somit davon auszugehen, dass die Yoga-Sūtras des Patañjali über viele Jahrhunderte nur in kleinen Kreisen der intellektuellen Eliten des Hinduismus studiert wurden.

Niedergang und Vergessen

Und es kam noch schlimmer für das Yoga-Sutra des Patanjali.. Der Yoga erlebte im 14. bis 16. Jahrhundert mit dem Entstehen des Hatha-Yoga zwar eine gewisse Hochblüte. Auch tauchten im Hatha-Yoga manche Gedanken aus den Yoga-Sūtras auf. Die Yoga-Sutras selbst spielen zu jener Zeit jedoch keine Rolle mehr. Die Hatha-Yoga-Pradipika als einer der bekanntesten Texte des Hatha-Yoga erwähnt in ihrer Einleitung über dreißig der damals bekannten Yogis. Keiner von ihnen ist Patañjali. Aber nicht nur die Philosophie der Yoga-Sutras, sondern die hinduistische Kultur als Ganze blickte dem größten Niedergang ihrer Geschichte entgegen. Yoga entwickelte sich im hinduistischen Volksglauben zur weltverneinenden Askesepraxis, deren einziges Ziel in der Abtötung jeglicher Körperlichkeit bestand. Die nach Indien kommenden europäischen Missionare und Kaufleute erlebten Yoga somit nur noch als Weg der Asketen und Akrobaten, die in extremen Körperstellungen verharrend auf Jahrmärkten und religiösen Festen um Almosen bettelten. Die immer stärker werdende Unterdrückung der Kultur in Indien durch die europäischen Kolonialmächte tat ihr Übriges. Das 17. und 18. Jahrhundert kann als Wüste des hinduistischen Geisteslebens bezeichnet werden. Die Bildungselite Indiens wendete sich immer stärker von den eigenen Wurzeln ab und orientierte sich an der dominierenden Kultur des Westens.

Popularisierung durch einen Inder in Amerika

Populär wurden die Yoga-Sutras nicht in Indien, sondern im Westen, genauer gesagt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Als entscheidendes Datum ist das Jahr 1893 zu nennen. Die amerikanische spirituelle Szene hatte in diesem Jahr in Chicago ein Treffen organisiert, das sie ‚Weltparlament der Religionen‘ nannten. Zu dieser Zusammenkunft war auch Svami Vivekananda  (1863 - 1902) auf eigene Initiative und ohne offizielle Einladung aus Indien in die USA gereist. Der damals gerade 30 Jahre junge und bis dahin vollkommen unbekannte Vedanta-Mönch sorgte in Chicago dann für eine Überraschung, mit der niemand gerechnet hatte. Der Svami aus der damaligen Kolonie Britisch-Indien hielt nicht nur eine in perfektem Englisch gehaltene Rede. Dieser junge, charismatische und redegewandte indische Mönch kam nach Chicago und brachte dem ‚materialistischen Westen‘ die Botschaft Indiens als ‚authentische Heimstadt menschlicher Spiritualität‘. Der Funken einer stetig wachsenden Faszination für Yoga in der westlichen Kultur war entzündet. Es war diese 1893 in Chicago gehaltene Rede, die man später als der Beginn der Yogabewegung im Westen bezeichnen sollte.

Vivekananda wurde nach seinem Auftritt begeistert in den spirituellen Kreisen Nordamerikas aufgenommen. Über mehrere Jahre reichte man ihn von Ort zu Ort weiter. So konnte er die Bedürfnissen der damaligen spirituellen Szene kennen lernen und seine Botschaft dementsprechend in einer spezifischen, auf seine westliche Zuhörerschaft ausgerichteten Weise verkünden.

Es waren dann auch seine amerikanischen Gastgeber, die Vivekananda baten, ein für westliche Leser gedachtes Buch zu schreiben. Der Meister stand ganz in der mündlichen Tradition Indiens, so dass er von sich selbst sagte „Ich habe mit Stift und Papier nichts zu tun.“ Vivekananda folgte jedoch den Erfordernissen der westlichen Kultur und begann ab 1894 in New York die indischen Grundlagentexte des Yoga intensiver zu studieren. Durch ihren säkularen Charakter erschienen ihm insbesondere die Yoga-Sutras besonders gut geeignet, dem Menschen im Westen Yoga nahe zu bringen. Zwei Jahre später war es dann so weit. Im Jahre 1896 erschien Vivekanandas bahnbrechende Übersetzung der Yoga-Sutras samt Kommentar mit dem Titel ‚Raja-Yoga‘. Bald wurde es üblich, nicht nur Vivekanandas Interpretation, sondern die Yoga-Sutras selbst als ‚königlichen Yoga‘, als Raja-Yoga zu bezeichnen. Dabei ist der Begriff nachweislich viel älter, als Vivekanandas Werk.

Die Yoga-Sutras des Vivekananda waren jedoch ganz anders, als was man bisher in der indischen Tradition kannte. Der Yogaforscher David Gorden White formulierte hierzu pointiert, dass es sich bei Raja-Yoga nicht um ein indisches, sondern um ein „ausländische Werk“ handelt. „Geschrieben im Westen durch einen westlich gebildeten Inder für eine westliche Leserschaft“, so White. Er schließt hieraus, dass es sich um ein „in westlicher Esoterik gegründetes Selbsthilfebuch“ handelt, das die westliche Leserschaft als „authentisches Werk östlicher Philosophie“ verstand, und dies vor allem, weil es von einem Inder geschrieben war.

Vivekanandas Yoga-Sutras wurde fast über Nacht zum Klassiker, zum Bestseller innerhalb der westlichen spirituellen Bewegungen. Zahlreiche weitere Übersetzungen und Kommentare auch von anderen Autoren erschienen in der Folgezeit. Und alle nahmen Raja-Yoga zum Vorbild. Vivekananda verstand den Weg des Yoga zu jener Zeit jedoch noch ausschließlich als geistigen Weg, der jede Form von Körperpraxis ausschloss. Bis zum Aufstieg der asanas und vinyasas in das Zentrum des Yoga sollte es noch viele Jahrzehnte dauern.

Philosophie für die Körperpraxis

Es waren dann vor allem B.K.S. Iyengar, Pattabhi Jois und T.K.V. Desikachar, alle drei Schüler des legendären T. Krishnamacharya, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts den großen Durchbruch schafften. Sie begannen von der westlichen Kultur geprägte Schüler zu unterrichten und sie unterrichteten vor allem die Praxis der asanas und vinyasas. Erst jetzt begann man Yoga mit Körperübungen zu identifizieren, wie es heute allgemein üblich ist. Um zu vermeiden, dass die von ihnen gelehrte Körperpraxis nicht als eine indische Form der Gymnastik verstanden wurde, lehrten sie Yoga in einem philosophischen Zusammenhang. Und diesen philosophischen Zusammenhang schöpften sie aus den säkular, aber mit großem Tiefsinn Yoga interpretierenden Yoga-Sutras des Patanjali. Durch Patanjali war es ihnen möglich deutlich zu machen, dass Yoga als Körperpraxis das Potential hat, nicht nur den Körper, sondern auch das Bewusstsein und letztlich das Leben des Übenden grundlegend zu verändern und in die Tiefe zu führen.

 

Sowohl Iyengar als auch Desikachar gelang dies, indem sie die Yoga-Sutras ins Englische übersetzten und ihnen einen spezifisch auf ein westliches Publikum ausgerichteten Kommentar hinzufügten, der, im Gegensatz zu Vivekananda, die Asana-Praxis mit einbezog. Pattabhi Jois arbeitete zu lebzeiten selbst wenig mit der Philosophie des Yoga und wurde ja auch mit seinem Satz "Yoga is 99% practice and 1% theory” immer wieder zitiert und bekannt. Indem er sich mit der Bezeichnung seines Übungssystems als Ashtanga Yoga jedoch unmittelbar auf den achtgliedrigen Pfad des Patanjali bezog, initiierte er vor allem bei seinen Schülern das Studium der Sutras als philosophischer Hintergrund seiner Übungen. So werden heute in Mysore durchaus Kurse in der Philosophie des Patanjali angeboten, was es zu lebzeiten von Jois so nicht gab.

 

Das Entstehen eines neuen Patanjali-Mythos

Wenn die modernen indischen Yogalehrer einen säkularen Übungsweg lehrten, so taten sie dies doch immer nur, um im säkularen Westen Verständnis für Yoga zu gewinnen. In ihrem Herzen blieben sie selbst jedoch immer tief in der Religion des Hinduismus verwurzelt. So war es B.K.S. Iyengar, der das Chanten des ‚Yogena cittasya‘, von Bhojas Patanjali-Gebet in den Yoga-Unterricht einführte.

 

 yogena cittasya

yogena cittasya padena vācāṃ malaṃ śarīrasya tu vaidyakena yo‘pākarot-taṃ pravaraṃ munīnāṃ patañjaliṃ prāñjalir-ānato‘smi

Übersetzung von Reinhard Palm aus 'Der Yogaleitfaden des Patanjali':
"Mit gefalteten Händen verneige ich mich vor Patañjali, dem vortrefflichen Wildasketen, der die Unreinheit des Geistes durch Yoga, der Sprache durch Grammatik, des Körpers durch Heilkunde ausgemerzt hat.“ 

T.K.V. Desikachar lehrte den Glauben an die mündliche Überlieferung der Sutras von Patanjali über die ununterbrochene Tradition von Lehrern bis zum heutigen Tag. Er förderte so insbesondere die Rezitation der Sutras, wobei sich seine Schüler in der eigenen Rezitation mit der heiligen Tradition der oralen Überlieferungslinie verbunden fühlen können. Und es war wiederum B.K.S. Iyengar, der 2004 in seiner Heimatstadt Bellur sogar einen Patanjali gewidmeten Tempel errichten ließ und so einen Ort schuf, in dem Patanjali als Gottheit verehrt werden konnte.

Viele westliche Yoga-Schüler glauben zwar offiziell nicht mehr an Gott. Sie sind jedoch durchaus bereit, vor dem Yoga-Unterricht Bhojas Gebet an Patanjali zu rezitieren. Auch im Westen werden die Yoga-Sutras immer wieder auch als Quelle einer heiligen, zeitlosen Tradition des Yoga verehrt. Patanjali avancierte zum modernen Heiligen des Yoga und seine Yoga-Sutras zur neuen heiligen Schrift. Die indischen Yogameister wurden so auch zum Wegbereiter des Glaubens an einen religiös anmutenden Patanjali-Mythos, der mit der konkreten geschichtlichen Sachlage nichts zu tun hat. Der Glaube an ununterbrochene Traditionslinien von Gurus und Schülern ist im Hinduismus fest verankert, aber keinesfalls für moderne Yogaschüler verpflichtend. Nicht selten ist es auch üblich, eigene Interpretationen mit dem Hinweis zu belegen, dies hätte der große Yoga-Heilige Patanjali so gesagt, unabhängig davon, ob dies wirklich der Fall ist. Selbst wenn es im Hinduismus wie auch in den anderen Religionen üblich ist, Autoritäten der Vergangenheit und als heilig verehrte Texte als Beleg für die eigenen Glaubenslehren heranzuziehen, so muss diese Praxis in Bezug auf den Umgang mit Patanjali und den Yoga-Sutras keinesfalls übernommen werden.

Mit Patanajali die eigene Yoga-Praxis in die Tiefe führen

Die moderne Forschung kann in dieser Weise als Weg der Reinigung verstanden werden, ohne dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden muss. Im Ernstnehmen der Erkenntnis der modernen Yogaforschung liegt die Chance, den unreflektierten Glauben an Gurus und ihre Traditionslinien zu hinterfragen. Ein Buch wird nicht wahr, nur weil es alt ist. Sein Inhalt nicht heilig, nur weil er einer langen Traditionslinie entspringt. Es gilt also die Yoga-Sutras aus der Ecke der heiligen Bücher herauszuholen, um so die Augen für ihre praktische Bedeutung zu öffnen. In diesem Sinne sind die Yoga-Sutras nicht als heiliger Text zu verehren, sondern als eine Anleitung zu verwenden, die insbesondere dazu einlädt, eigene Erfahrungen zu machen. Mit anderen Worten: Für den heutigen Yoga ist es viel hilfreicher sich vom Patanjali-Mythos zu befreien und, die tiefsinnige Philosophie der Sutras auf ganz pragmatische Weise zur Weiterentwicklung der eigenen Praxis zu nutzen.

 

Weiterführende Links:

1) Moderne Yoga-Forschung - Informationen für ein besseres Verständnis: http://www.modernyogaresearch.org/

2) David Gordon White

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Dr. Eckard Wolz-Gottwald

Dr. Eckard Wolz-Gottwald ist Autor zahlreicher Yoga-Bücher. Er lehrt Yoga-Philosophie an vielen Yoga-Schulen im deutschsprachigen Raum und ist Mitbegründer der Yoga-Ausbildungsschule ‚Yoga-Akademie Münster-Osnabrück‘. Insbesondere in seinem Übungsbuch ‚Die Yoga-Sutras im Alltag leben‘ gelingt es ihm, einen Weg in die philosophische Praxis der Yoga-Sutras aufzuzeigen. Auf YogaMeHome ist ein Video-Interview mit Eckard Wolz-Gottwald erschienen.

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