Yoga als politisches Instrument
von Nancy Krüger in Inspiration

Yoga in Indien ist heilig und rein. Oder? Nationalismus, Gewalt und politisches Kalkül sprechen leider eine andere Sprache. Unsere Yogalehrerin Nancy Krüger erklärt, warum sie Abstand zu Yoga-Traditionen nimmt und wie Yoga heute in Indien instrumentalisiert wird. Eine Anregung, kritisch zu bleiben.

Welcher Yoga-Tradition gehörst du an?

Fragt mich mein Yoga-Philosophie Uni-Professor als erstes beim Kennenlernen, den ich bisher nur als Schülerin aus Vorlesungen kannte. Ich wollte ihn gern als Gastlehrer in meinen Yoga-Ausbildungen engagieren. Er wollte herausfinden, ob ich zur hippen Yoga-Wellness-Szene gehöre oder mich näher an den philosophischen Ursprüngen von Yoga bewege. Ich unterrichte körperlich zwar modern, würde mich aber eher zu Letzterem zählen. 

Einer Yoga-Tradition gehöre ich allerdings nicht an und ich will auch gar nicht.

Warum? Grundsätzlich finde ich Tradition wertvoll. Wenn es um Yoga geht, ist sie mir allerdings viel zu komplex und behaftet von Berichten über sexuelle Übergriffe und gewaltvollen Handlungen fast aller großen und traditionsreichen Lehrer. Auch wenn ich viel bei Schülern dieser „Ur-Gurus“ gelernt habe, will ich auf nichts zurückgeführt werden, was ich gar nicht einschätzen kann. Was weiß ich, was das für Menschen waren abseits der salbungsvollen Worte?

Dass schöne Worte und schräge Taten näher aneinander liegen, als man denkt, zeigt ja auch die Kirche in eindrucksvoll regelmäßigen Abständen.

In eine mir eigentlich unbekannte Tradition stelle ich mich jedenfalls nicht, maximal in ein philosophisches System. Auch nicht, wenn ich hauptberuflich Yoga-Lehrerin bin und man das in Indien so macht. Und ich denke, wir sollten Überlegungen wie diese häufiger im Yoga anstellen, denn:

Es ist nicht alles super, was aus Indien kommt.

Bevor man sich zu leichtfertig hingibt alles „Indische“, das mit Yoga zu tun hat, hoch zu schätzen, weil es schließlich das Ursprungsland ist, lohnt sich ein etwas genauerer Blick hinter die Kulissen. 

Wohl bekannt ist, dass durch die recht sportliche Ausrichtung von Yoga und Randprodukte wie Bier-Yoga im Westen ein gewisses Spannungsfeld zur Yoga-Tradition herrscht. Während wir vor uns hin kommerzialisieren und konsumieren, zeigen sich aber auch im Heimatland des Yoga Entwicklungen, die genauso wenig zum ursprünglichen Anliegen der Yoga-Tradition gehören. Über diese wollen wir hier sprechen.

Aus gegebenem Anlass ein paar Infos, wo man da anfangen kann:

In Indien ist Yoga politisch.

Während Yoga bei uns eher eine überschaubare politische Dimension einnimmt, hat es sich das Heimatland der ursprünglich vorrangig philosophischen Lehre in letzter Zeit zu Eigen gemacht, Yoga zu politisieren.

Unter der Führung von Premierminister Narendra Modi (auf dem Titelbild) setzt sich die regierende Partei BJP (Bharatiya Janata Party) für die nationale und internationale Popularisierung von Yoga ein. Es handelt sich um eine sogenannte Hindutva-Partei, die ihre Ideologie auf eine hindu-nationalistische Schrift namens "Hindutva" des Autors Vinaya Damodar Savarkar baut.

Diese Partei fördert z. B. Yoga Unterricht an indischen Schulen und hat in 2014 das Yoga Ministerium „AYUSH“ gegründet, wo Yoga, Ayurveda, Homöopathie und andere alternative Heilungsformen verwaltet werden. Mit Shripad Yesso Naik wurde sogar eigens fürs AYUSH ein Yoga Minister ernannt.

Mit rechtspolitischen Zügen

Die BJP entspringt der 1925 gegründeten Organisation RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh), dem wahrscheinlich größten faschistischen Freiwilligenkorps der Welt. Übrigens mit einem Faible für die Ideologien der deutschen Nationalsozialisten (Letzteres vor allem durch den ehemaligen RSS Führer M.S. Golwalkar).

Nathuram Godse, der wegen Mordes an Mahatma Gandhi 1949 hingerichtet wurde, war ein ehemaliges Mitglied der RSS. Ihm war der Verständigungswunsch Gandhis mit den Muslimen ein Dorn im Auge. Auch generell gilt die RSS (wie die BJP) nicht als Förderer der verfassungsmäßigen Religionsfreiheit. Sie wendet sich vehement vornehmlich gegen Muslime zum Erhalt der hinduistischen Tradition.

Mindestens 2 Millionen Muslime im indischen Bundesstaat Assam wurden im Sommer 2019 durch ein neues Bürgerverzeichnis die Staatsbürgerrechte entzogen. Unabhängig davon, ob sie bereits über Generationen im Land wohnen. Viele Tote hat es in Folge bei Aufständen gegen diese verfassungswidrigen und antisäkularen Neuerungen gegeben. Muslime mussten als einzige Religionsgruppe schriftliche Nachweise erbringen, seit wann sie sich in Indien aufhalten.

Ursprünglich hat sich das auf alle Religionsgruppen bezogen. Nachdem man aber bemerkt hat, dass auch viele Millionen Hindus aufgrund von spärlicher Verschriftlichung zu jener Zeit davon betroffen waren, wurde die Forderung auf die Muslime reduziert. Das Gleiche findet sich auch in dem neuen und vielerorts diskutierten Staatsbürgerschaftsgesetz wieder, bei dem Kritiker (wie die UN) ebenfalls von Diskriminierung der Muslime sprechen.

So und jetzt kommt‘s. Genau diese Partei initiiert und feiert zusammen mit der Welt den:

World Yoga Day am 21. Juni

Mit herzlichsten Grüßen von einer rechtskonservativen hindu-nationalistischen Partei

Auf Betreiben von Modi wurde der 21. Juni (Sommersonnenwende) in 2014 von der UN-Vollversammlung zum Weltyogatag erklärt. Seither gibt es u. a. jährliche Schreiben an Yoga-Schulen weltweit, die zur Feier des Tages einladen. In den vergangenen Jahren wurden auch in Europa viele große und kleine Veranstaltungen dazu abgehalten.

Modi, der sogar einen eigenen animierten Yoga-YouTube-Kanal hat, betont gerne die positiven Wirkungen von Yoga auf Gemüt und Körper. In erster Linie ist es für Indien aber auch von wirtschaftlichem Nutzen, die Tradition im eigenen Land zu verorten und von dort gezielt zu internationalisieren. Yoga als Exportschlager verschafft Indien zudem internationale Aufmerksamkeit abseits bekannter pressewirksamer Missstände.

Premier Modi wurde erst nach seinem Wahlsieg 2014 wieder von Obama in den USA willkommen geheißen. Seit 2005 hatte er jahrelang keine Einreisegenehmigung in die USA erhalten aufgrund von Menschenrechtsverletzungen gegen Muslime (über 1.000 Tote bei politisch forcierten Ausschreitungen). Zu Modis Entlastung muss man sagen, dass die BJP demokratisch gewählt wurde, das Thema also noch tiefere Wurzeln hat.

Nationalismus in Yoga-Schulen vs. Bewahrung der Tradition

Indischer Nationalismus zieht sich auch durch indische Yoga Schulen. Sie sind traditionsorientiert und wehren sich gegen die Zerstörung des Kulturguts durch internationale Einflüsse. Dazu zählen auch namhafte Schulen wie Iyengar und Sivananda.

Die politischen Hintergründe von Yoga erkennt man meist erst, wenn man in das Yoga-Heimatland fährt und die Verhältnisse dort besser kennenlernt. Dann bekommt man mit, welche Verbindungen es zum Beispiel zwischen Ashrams und rechtsextremer Politik gibt. 

Zugegeben: Wenn man miterlebt, wie das Land sukzessive seine Lebensart verliert durch die globalen Einflüsse - dann sind diese Bestrebungen nicht einmal unnachvollziehbar. In einem so großen und derart kulturreichen Land wie Indien kann man im Sekundentakt miterleben, wie ein Teil der Landeswurzeln von der restlichen Welt verschluckt werden.

Heilige Männer? Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Ein Brahmane als Yogalehrer ist übrigens auch nicht zwangsweise heiliger als alle anderen, nur weil er aus der indischen Kaste stammt, die ursprünglich Yoga überliefert hat. Zur Erhaltung der Kastenreinheit gibt es unter den Brahmanen z. B. Priester, die Auftragsmorde begehen. 

Sogar im oftmals glorifizierten Buddhismus ist nicht alles aus Wattebäuschen gemacht, wenn man einen tieferen Blick hinein wagt. Genauso wenig wie wir alle selbst nicht nur aus Licht, sondern auch aus Schatten bestehen. Jeder „sündigt“ auf seine Weise. Das Ziel der Vollkommenheit besteht im Wesentlichen halt im Streben danach.

Yoga Ausbildungen könnten künftig von Indien reguliert werden. Ein geschickter Wirtschafts-Coup?

Seit 2016 gilt Yoga als UNESCO Weltkulturerbe. Das gibt Indien einen gewissen regulativen Einfluss und man ist politisch bemüht, dieses Yoga-Erbe in den eigenen Händen zu behalten.

In Indien gibt es mittlerweile vorgegebene Standards für Yoga-Ausbildungen, die künftig auch international ausgerollt werden sollen. So wird die Macht von Yoga ins eigene Land zurückgeholt, nachdem sich das Ganze in den USA, Europa und mittlerweile weltweit völlig verselbstständigt hat.

Der einen oder anderen Yoga-Schule wird das sicher zugutekommen, sind die Qualitätsstandards in Europa doch teils auf einem eher niedrigen, aber dafür umso kommerzielleren Niveau. Die ebenfalls eher für niedrige Standards bekannte Yoga Alliance, bei der die meisten Yoga-Schulen registriert sind, hat zwar kürzlich ihre Standards angehoben, eine wirkliche Kontrolle gibt es hier allerdings nach wie vor nicht. 

Je nachdem, wie die neuen indischen Standards sich konkret gestalten, könnte dies zur Qualitätssicherung beitragen - oder eben ein geschickter politischer Wirtschafts-Coup sein. Wir werden uns überraschen lassen. Fraglich bleibt so oder so, ob man sich in den Fahrwassern der BJP wirklich wohl damit fühlen kann.

Bleibt kritisch, hinterfragt! Denn Yoga ist Wahrheitsfindung.

Ich halte es gar nicht für notwendig, sich explizit auf eine Seite zu schlagen. Sondern ich möchte dazu anregen, kritisch zu bleiben und zu hinterfragen. So wie es die Yoga-Philosophie fordert: in unserer Befreiung von Avidya, der Unwissenheit. Na klar steckt in Yoga unheimlich viel Gutes, aber zur Verblendung sollte das nicht führen.

Ich habe euch das alles hier zusammengeschrieben, um anzuregen, die Augen etwas offen zu halten. Und nicht allem, nur weil es aus Indien kommt, unhinterfragt Autorität zu geben. Bevor man einfach irgendwelche Dinge übernimmt, ist ein kritischer Faktencheck, denke ich, sinnvoll. Im Yoga geht’s schließlich um Wahrheitsfindung. Und je genauer man es damit nimmt, desto mehr kann man sehen.

 

PS: Die deutschen Nationalsozialisten hatten umgekehrt übrigens auch ihre Freude an Yoga. Nachzulesen im Buch von Mathias Tietke "Yoga im Nationalsozialismus: Konzepte, Kontraste, Konsequenzen"

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Nancy Krüger

Nancy liebt Pünktchen, Zitronen, Tanzen und das Leben. Sie ist Autorin für praktische Yoga Philosophie, medizinisch ausgebildete Hatha Vinyasa Yogalehrerin und leitet eine renommierte Yoga Ausbildungsschule mit dem Schwerpunkt Persönlichkeitsentwicklung in Wien.

Mehr über Nancy findest du auf ihrer Website: https://www.happydots.yoga/

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