Was ist eigentlich modernes Yoga?
von Bettina Sat Hari Kaur in Philosophie

Modernes Yoga vs. Klassisches Yoga.
Du machst gerne Yoga und fragst dich, welche Richtung die Beste für dich ist? Hier ein Überblick, wie sich das klassische Yoga vom modernen Yoga unterscheidet.
Ein Ausflug in die Tiefen der verschiedenen Yogaformen.

Die Geschichte des modernen Yoga

Wie dir sicher schon aufgefallen ist, gibt es eine Menge unterschiedlichster Yogarichtungen. Die Angebote reichen vom klassischen Hatha- und Kundaliniyoga bis hin zum Akrobatik-Yoga oder zum Hot-Yoga.

Trends wie Ziegen-, Bier- oder Wutyoga wollen diejenigen abholen, denen reguläres Yoga zu langweilig ist. In Deutschland sind Begriffe wie Yoga oder Lehrer*in leider nicht geschützt, deshalb darf sich also jeder Yogalehrer*in nennen und sogar eine eigene Yogalehre anbieten.

Wenn du vielleicht Yoga nur zur körperlichen Fitness anwedest, möchten wir dich einladen, dich hier tiefer in die Geschichte des Yogas zu vertiefen. Denn modernes Yoga ist viel mehr, als sich nur dehnen und Kraft trainieren. 

Die Yogahistorie umfasst die Zeit des klassischen Yogas der alten Rishis und Weisen bis hin zum Power-, Schwangeren- und Rückbildungsyoga der Gegenwart. Die Yogageschichte ist also mehr als wechselhaft und vielschichtig. Wissenschaftler*innen vermuten aufgrund von Ausgrabungen, dass Yoga mindestens 5.000 Jahre alt ist. Einige Wissenschaftler*innen nehmen sogar an, dass sich die Yogapraxis vor 10.000 Jahren entwickelte.

Es bleibt im Dunklen, ob Yoga seinen Ursprung im alten Indien hat, oder von nomadischen Völkern nach Indien eingeführt wurde. Sicher ist jedenfalls, dass nur im alten Indien die vielschichtige Yogalehre über den Menschen, seinen Geist und seine Kräfte ausgeformt und gelebt wurde.

Die Veden

Das Wort Yoga wurde erstmals in den Veden erwähnt. Die Veden sind eine Sammlung von Texten, Liedern, Mantras und Ritualen. Vedische Priester (Brahmanen) entwickelten, verwalteten und nutzten diese Texte. Durch diese Schriften verfeinerte sich im Laufe der Jahrtausende das Yoga immer mehr..

Seine Kernlehre ist bis heute, Licht ins Dunkel des Egos zu bringen und es zu transzendieren.  

Der oder die Yogatreibende kann den Pfad des Yogas mittels Körperübungen und Meditationen beschreiten. Auch durch den Weg der Handlung (Karma-Yoga), der Liebe (Bhakti-Yoga) oder der Weisheit (Jnana-Yoga) können Yoginis und Yogis ihr Ziel erreichen.

Die Entstehung des modernen Yoga

Die Yogapraxis hat sich schon immer den gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst oder wurde von ihnen geprägt. Schon im Mittelalter schufen Yoga-Meister ein System von Praktiken, um den Körper zu verjüngen und das Leben zu verlängern. Sie lehnten allerdings die Lehren der alten Veden ab und betrachteten den physischen Körper als Mittel, um Erleuchtung zu erlangen. 

Zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts begannen indische Yoga-Meister in den Westen zu reisen, um ihre Lehren zu teilen. Besonders Swami Vivekananda begeisterte seine Zuhörer 1893 mit seinem Vortrag im Weltparlament der Religionen.

Yoga in Indien wurde in den 1920er und 30er Jahren mit der Arbeit von T. Krishnamacharya, Swami Sivananda stark gefördert. Krishnamacharya eröffnete 1924 die erste Hatha Yoga Schule in Mysore. Krishnamacharya brachte drei Schüler hervor, die sein Vermächtnis fortsetzten und die Popularität von Yoga steigern sollten: B.K.S. Iyengar, T.K.V. Desikachar und Pattabhi Jois.

1936 gründete Sivananda die Divine Life Society am Ufer des Ganges. Sivananda war ein produktiver Autor, der über 200 Yogabücher schrieb und zahlreiche Yoga-Zentren auf der ganzen Welt gründete. Der Import von Yoga in den Westen setzte sich nicht zuletzt dadurch sehr stark fort. Indra Devi eröffnete 1947 ihr Yoga-Studio in Hollywood.

Und der heute sehr berühmte Yogi Bhajan brachte 1969 das Kundalini Yoga von den Hängen des Himalayas in den Westen. 

Westliche Yogaformen

Die Yogaschüler*innen der westlichen Welt veränderten die Erscheinung des Yoga abermals. Viele Jahrhunderte lang übten in indien ausschliesslich Männer traditionelles Yoga aus. Als das Yoga nach Europa kam, fühlten sich allerdings immer mehr die Frauen durch das Yoga inspiriert. 

 Bald schon entwickelten Frauen Yoga für werdende Mütter und Yoga für die Rückbildung, Hormonyoga oder Lunayoga für die Fruchtbarkeit. Poweryoga, Flowyoga, Bikramyoga, Lachyoga und Yin Yoga sind alles Yogastile unserer Zeit. 

Leider ist das Wort Yoga kein geschützter Begriff. Jeder kann ihn nutzen, um seine Dehnungsübungen, Gymnastik oder Form der Innenschau mit dem Trendbegriff Yoga zu verbinden.

So gibt es Yoga Mode, Yoga Beauty und Yoga Lifestyle. Der Markt für Yogaprodukte ist milliardenschwer:  Unzählige Yoga-Marken-Artikel versprechen den Konsumentinnen, ihre Selbstentwicklungsbedürfnisse zu erfüllen.  Da stellt sich die Frage: Was ist modernes Yoga eigentlich?

Denn alle ernstzunehmenden Yogaformen beziehen sich auf die zweitausendjährige Richtschnur des Patanjali. 

Der Yoga Leitfaden

Vor ungefähr 2000 Jahren verfasste der Gelehrte Patanjali das Yogasutra. Alle seriösen Yogarichtungen folgen diesem Leitfaden. Patanjali lebte irgendwann zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 4. Jahrhundert n. Chr. Es ist wenig über Patanjali bekannt. Der Name Patanjali besteht aus zwei Wörtern: Anjali heißt Verneigung und Pata meisterhaft. So bedeutet Patanjali die meisterhafte Verneigung.  

Was ist Yoga wirklich und wie kann man es mit modernem Yoga verbinden?

Um dir die Tiefe der Yogalehre zu verdeutlichen, schau dir nochmal die Eckpunkte des Yogasutra an:

Die ersten vier Verse des ersten Kapitels aus Patanjalis Yogasutra lauten:

  1. Nun wird Yoga erklärt.
  2. Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist.
  3. Dann ruht der Wahrnehmende in seiner wahren Natur.
  4. Alle anderen Zustände beruhen auf der Identifikation mit den Bewusstseinsinhalten.

Yoga ist also keine Reihung von exotischen Übungen, Dehnungen und Haltungen. Yoga kommt ganz ohne stylische Bauchweghosen, Ballerinasocken oder Yoga Computer aus. Yoga hat nichts zu tun mit sexy Instagram Yoga Influencern, die „mit ihrem Talent und ihrem guten digitalen Ruf durch Werbeverträge und Kooperationen viel Geld verdienen“ (O-Ton eines Onlinemagazins).

Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen des Geistes 

Die Yogapraxis: Patanjali behandelt in dem zweiten Kapitel des Yogasutras die Praxis. Dieses Kapitel nennt er Sadhana Pada. Sadhana bedeutet übersetzt Mittel zum Erlangen von etwas, Pada heißt übersetzt der Fuß/ Fußspur.

In diesem Kapitel stellt Patanjali seinen achtgliedrigen Yogapfad vor. Die acht Komponenten des Yogaweges bedingen einander, ergänzen sich und bilden eine Einheit. Sie sind Mittel zum Zweck. Mit ihrer Hilfe kann man den Geist zur Ruhe bringen und in seinem wahren Selbst ruhen.

Der achtgliedrige Yogapfad:

  1. Yamas – der Umgang mit der Umwelt
  2. Niyamas – der Umgang mit sich selbst
  3. Asanas – der Umgang mit dem Körper
  4. Pranayama – der Umgang mit dem Atem
  5. Pratyahara – der Umgang mit den Sinnen
  6. Dharana – Konzentration
  7. Dhyana – Meditation
  8. Samadhi – das Höchste: die innere Freiheit

Der Sadhana Pada ist ein guter Leitfaden zur Überprüfung der eigenen Yogawerte. Mittels des Sadhana Padas kann man sich vergewissern, ob die eigene Yogapraxis oder der Yogaunterricht sich an dem orientiert, was Yoga im klassischen Sinne ausmacht.

So trennt sich der Yogaspreu vom Yogaweizen. Die echte Yogapraxis erreicht Tiefe. 

Welcher Yogarichtung du auch immer folgen magst: Alle ernstzunehmenden Yogapraktiken verfolgen das Ziel der Reinigung. Sie unterstützen uns dabei, „unsere Handlung zu bereinigen“, damit wir uns mit unserem wahren Selbst verbinden können.

Das solltest du wissen - Die wichtigsten Yoga-Begriffe:

Shaucha (Reinheit) ist die Grundlage eines yogischen Lebensstils, der nicht nur unsere Praktiken, sondern auch unsere Entscheidungen in Bezug auf Essen, materiellen Besitz, Freundschaften und sogar Sprache umfasst.

Asana, das Sanskrit-Wort für Haltung oder Sitz. Wie aus archäologischen Aufzeichnungen und Primärquellen hervorgeht, waren die ersten Yoga-Asanas höchstwahrscheinlich Sitzpositionen für Meditationen. Dein Körper ist der Tempel deines wahren Selbst. Praktiziere die Yoga-Asanas nicht vom eigentlichen Ziel losgelöst, sondern immer so, dass sie deiner Seele ein Zuhause geben können. Lerne lang und tief zu atmen. Lerne Reinigungsatem. Nutze deinen Atem. Singe!

Das Wort Praty bedeutet gegen oder weg. Ahara ist alles, was wir von außen aufnehmen.

Bei Pratyahara geht es darum, uns von externen Informationen zurückzuziehen, um das Innere wahrnehmen zu können. Es kann als Brücke zwischen äußerem und innerem Yoga gesehen werden. Es unterstützt die/den Praktizierenden dabei, sich zu konzentrieren, die innere Stimme wahrzunehmen und sich selbstbestimmt entscheiden zu können.

Dharana bedeutet Halten, Konzentration. Die/der Übende richtet ihre/seine Gedanken auf einen Gegenstand aus. Die Praxis von Dharana während der Yogastunde hat eine stärkende und beruhigende Kraft. Dharana ermöglicht Dhyana, die Meditation. Wenn du meditierst, dann kommen deine Gedanken in deinem Geist zur Ruhe: Du kannst dich mit deiner wahren Natur verbinden.

Samadhi bedeutet Sammlung, tiefe Meditation. Die Verbindung mit deinem wahren Selbst wird Samadhi genannt. Du verbindest dich auf meditative Weise mit deiner erleuchteten inneren Natur. Samadhi ist die Verschmelzung mit dem Göttlichen in dir und um dich herum.

Mein Fazit:

Klassisches Yoga ist zeitgemäß und es ist auf eine beruhigende Weise karg. Das Zur-Ruhe-Kommen des Geistes ist schmucklos. Jeder äußere Aufwand wird losgelassen. Das Marktschreierische und Schrille bleibt draußen. Keine Konkurrenz, kein Fortschritt, keine Olympiaden.

Du verbindest dich mit dem Ewigen in deinem Inneren - in dir ist Stille. Es gibt unzählige Wege, die du gehen kannst. Ich kann nicht beurteilen, welcher Weg der richtige für dich ist. Falsch sind die Wege, die sich als Yoga verkleiden. So wie es Greenwashing gibt, so existiert schon lange so etwas wie Yogawashing.

Aufgeplusterte Yogasprache, irreführende Bilder und das bewusste Abheben von der Konkurrenz sind die Anzeichen hierfür. Stay real!

Dennoch kann man als achtsam praktizierender Mensch modernes Yoga mit dem klassischen verbinden - so kannst du ganz deinen eigenen Stil finden. 

"Das Leben ist kurz. Die Zeit verfliegt. Erkenne das Selbst. Die Reinheit des Herzens ist das Tor zu Gott. Strebe. Verzichte. Meditiere. Sei gut. Tue Gutes. Sei freundlich. Sei mitfühlend. Frage nach. Kenne dich selbst."

 Sivananda

(Titelbild: ©Kieferpics/Shutterstock)

Hier findest du noch mehr Inspiration für dein Yoga: 

 

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Bettina Sat Hari Kaur

Sat Hari Kaur Stülpnagel ist ausgebildete Schauspielerin, Heilpraktikerin und Kundalini Yoga Lehrerin. Sie hat 10 Jahre in dem Guru Ram Das-Ashram in Hamburg gelebt und dort ihre Yogaausbildung absolviert. Außerdem hat sie über viele Jahre hinweg Yoga direkt bei ihrem spirituellen Lehrer Yogi Bhajan gelernt. Sie ist die leitende Trainerin der 3H0 Fachausbildung zur Yogalehrerin für Schwangere und zur Rückbildung  in Hamburg.

Sie ist geprüfte Heilpraktikerin, Hypnosetherapeutin und NLP – Lehrtrainerin.  Sie hat drei Bücher rund um Yogathemen geschrieben, die bei Rowohlt und im Herder – Verlag erschienen sind. Außerdem hat sie verschiedene Artikel für Yogamagazine, Blogs und medizinische Fachzeitschriften geschrieben. Über mehrere Jahre hinweg hat sie Yogaserien für die Frauenzeitschrift „Für Sie“ entwickelt.

Kommentare 

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Angela

"Klassisches Yoga ist zeitgemäß und es ist auf eine beruhigende Weise karg."
Yoga ist ein Weg der Vertiefung. Yoga ist wahrhaftig. Da, wo ich verlogen bin oder belogen werden möchte, bleibe ich an der Oberfläche kleben, wie auch immer ich mich verrenken mag.
Danke für diese guten Worte ❤

Verfasst am 17.11.2019 um 16:37

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