Liebe Dich selbst
von Astrid Felsenreich in Inspiration

Kaum eine Aufforderung höre oder lese ich öfter in der großen, weiten Yoga Welt. Überflutet von Facebook-Plakaten mit romantisch gestalteten Sprüchen zur Selbstliebe, fühle ich mich ähnlich bedrängt, wie von allgegenwärtig auf mich einströmender Werbung. Hier sitze ich nun mit dem Auftrag zum Thema Selbstliebe zu schreiben. Wo beginnen?

Der Augenblick am Strand

Ich war gerade zwanzig Jahre geworden, auf einer langen Reise in Indonesien und lebte mehrere Wochen in Java am Strand von Parangtritis. Ich hatte mir eine Zeit der völligen Stille verordnet und verbrachte meine Tage stundenlang in der überwältigenden Natur mit ihren Dünen, Felsenhöhlen und dem dahinter wuchernden tropischen Urwald.

Eines Nachmittags, als ich in der Abendsonne über die Sanddünen wanderte, geschah etwas sehr Erstaunliches: Ich verliebte mich in meine eigenen Füße! Sie waren wunderschön, wie sie bei jedem Schritt im weißen Sand der hohen Dünen versanken und wieder auftauchten. In einer sich langsam ausbreitenden Trance, versenkte ich mich in die Bewegung, den Rhythmus und das Gefühl von Verschmelzung mit dem rieselnden Sand, der meine Füße umspielte.

In diesem Moment der Liebe zu meinen Füßen, gab es kein Vorher und kein Nachher mehr. Dieser Augenblick war vollkommen frei von guten oder schlechten Erfahrungen und bestätigte meine Existenz, mein Selbst, das erste Mal auf dieser Welt. Dieser Moment gab mir Wurzeln und eine Ahnung, wer ich wirklich war: ein Geschenk, wunderschön und bereit mich hinzugeben an mein Leben.

Bis zu diesem Erlebnis, hatte ich mich noch nie so glücklich und erfüllt gefühlt. Es war, als hätte sich in mir ein Fenster geöffnet, das mir einen in mir existierenden geheimen Garten zeigte, in dem ich unabhängig von allen äußeren Umständen, ich selbst war: Schön, harmonisch, liebenswert, präsent und verbunden mit der Welt rund um mich.

Der innere Garten

Diese Erfahrung mit ihrer Absolutheit und Intensität hatte mich so ergriffen, dass ich fortan auf die Suche nach diesem unberührten inneren Garten gegangen bin. Ich hatte erlebt, dass ich mich vollkommen anders fühlen kann, als ich es normalerweise gewohnt war.

Früher war ich häufig geplagt von Scham und Schuld. Ich war beschäftigt mit meiner Unzulänglichkeit und der Angst, dass jemand sie entdecken könnte. Um das zu verhindern, hatte ich eine Maske aus Anpassung aufgesetzt, hinter der ich heimlich meine Rebellion kultivierte. Das war sehr anstrengend und geschah völlig unbewusst. Durch das Erlebnis am Strand erahnte ich das erste Mal, dass es mein eigener Blick ist, der die Welt und somit auch mich selbst gestaltet. Wenn ich so etwas Schönes empfunden und erlebt hatte, dann musste das doch irgendwo genauso existieren, wie meine Scham und meine Ängste.

Für mich war das der Anfang einer langen Reise zu mir selbst. Falls das romantisch klingen sollte….nein, das war es nicht! Es war Knochenarbeit, die Mut, Aufmerksamkeit und Übung erforderte in mein künstlich konstruiertes Selbstbild - wie in ein riesiges Puzzle - erstmals Steine der Wahrhaftigkeit einzubauen. Ich hatte solche Angst, meine Umwelt zu enttäuschen oder verurteilt zu werden, wenn ich mich mit meiner Unsicherheit, Angst und Verletzlichkeit zeigte.

Am schwersten fiel es mir jedoch, mich selbst nicht ununterbrochen zu verurteilen. Ich lernte erst durch viele Jahre hindurch, dass Probleme keine Selbstverurteilung auslösen mussten, sondern mit Blick auf ihre tiefer liegenden Motive und meine Lebensgeschichte, angenommen und bearbeitet werden konnten. Oft brauchte ich dafür Hilfe, denn mein Blick wurde wieder und wieder durch eine tief verankerte Überzeugung, nicht gut genug zu sein, vernebelt.

Der Schlüssel war für mich, ein sich langsam entwickelndes Mitgefühl für die Person, die ich geworden war. Und zwar mit all ihrer Scham, Angst aber auch Aggression und ihren oft harten Urteilen gegenüber anderen. Mit diesem Mitgefühl öffneten sich mehr und mehr die Fenster zu meinem, damals nur erahnten, inneren Garten.

Dieser Garten ist für mich zur Metapher geworden für mein „Nach Hause kommen“ zu mir selbst.

Das innere „Nach Hause kommen“ ermöglichte mir zuerst Selbstakzeptanz: Ich bin aus gutem Grund so geworden, wie ich bin und wie ich bin ist nicht von Dauer - ich kann mich weiterentwickeln. Ich kann aus der Enge meines „Ich bin nicht Ok“-Korsetts schlüpfen, indem ich das Risiko eingehe, meine Wahrheit offen zu kommunizieren und aufhöre meine Umgebung zu täuschen. Und siehe da, nahe Menschen begannen sich plötzlich wohler mit mir zu fühlen. Entspannung stellte sich ein, was wiederum das Vertrauen in mich selbst wachsen ließ.

Das Außen spiegelt das Innen

Meine wichtigste Erkenntnis war, dass die gute Beziehung zu mir selbst immer verbunden ist mit der Beziehung zu meiner Umwelt. Unklarheit, Verurteilung und Manipulation meiner eigenen Gefühle spiegelten sich unweigerlich in meinen Beziehungen wieder: Mein mangelnder Selbstrespekt zog Menschen an, die mich respektlos behandelten. Mein Mangel an intakten Grenzen bewirkte, dass ich Andere einlud, mich zu überfordern.

Mit wachsender Liebe zu mir selbst stellte sich auch ein Gefühl der Verantwortung für die Welt, in der ich lebe, ein. Ein Wissen, dass es nie alleine um mich geht. Es begannen ein spiritueller Prozess und eine Erweiterung meines Bewusstseins, die die Bindung an „mich als Person“ lockerte.

Selbstliebe sollte nicht von einem narzisstischen Ego ausgehen und kontrolliert werden.

Liebe für mich selbst heißt, das GANZE zu sein. Es entwickelte sich die klare Gewissheit, dass ich ein Teil des Ganzen bin und, dass die Haltung und Energie, mit der ich in meinem inneren Zuhause existiere, sich immer auf das Außen auswirkt.

Das Entwickeln von Selbstliebe ist ein kraftvoller und lebensspendender Heilungsprozess, der inneren Frieden fördert und beitragen kann zum Frieden in der Welt.

Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du die Liebe zu Dir selbst findest. Hör nie auf zu suchen!

Astrid

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Astrid Felsenreich

Mit den Erfahrungen aus Movement Based Yoga und ihrer wachsenden Leidenschaft für östliche Philosophien wurde Astrids Yoga-Unterricht und ihre Arbeit als Counselor und Life Coach sehr bereichert.

Ihr Motto: Erzähle mir nicht, was und wie viel du weißt - erzähle mir, worauf du neugierig bist, was du erforschst und wie bereit du bist, überrascht zu werden!

Mehr  erfahren: felsenreich.com

Kommentare 

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Bettina

Liebe Astrid,

ich danke dir für diese offenen und sehr persönlichen Worte, ein sehr schöner Beitrag zum Thema Selbstliebe, vielen Dank für deine Authentizität!

Alles Liebe
Bettina

Verfasst am 03.09.2020 um 21:49

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